Digitale Gesundheit: Kundennutzen entscheidet über Erfolg

Der Wettbewerb um die Versicherten und Patienten kehrt in der digitalen Welt in neuer Form wieder. Alte und neue Akteure des Gesundheitswesens werden sich in neuartigen Kombinationen zusammenfinden. Auf offenen Plattformen wird sich durchsetzen, wer einen überzeugenden Kundennutzen bieten kann. Dazu sind jedoch noch manche Rahmenbedingungen anzupassen. Auch werden noch mehr belastbare Geschäftsmodelle benötigt.

Berlin, 5. Dezember 2016 (IGES Institut) - Das zeigte der Digital Health Day von IGES Institut und Roland Berger. Wirtschaftsministerium und Klinikkette, Online-Händler und Krankenkasse, Gesundheitsindustrie, Startup-Welt und Ärzteschaft – so vielfältig war das Spektrum der 30 Experten aus allen Bereichen der Gesundheit, die auf der Veranstaltung miteinander diskutierten. Im Spielfeld Digital Hub in Berlin Kreuzberg wurde die Frage gestellt, welcher Spieler den anstehenden Wettbewerb um den Gesundheitskunden für sich entscheiden kann.

Visionen neuer Partnerschaften und Plattformen

In kleinen Gruppen wurde sich lebhaft ausgetauscht. Aus dem Online-Handel kam die Erkenntnis, dass geschlossene Systeme nicht mehr durchzusetzen seien. So biete der Amazon Marketplace auch Raum für Drittanbieter und deren Produkte, wie Daniel Saga, Senior Category Leader Health and Beauty bei Amazon, erklärte. Daraus entstand in den Gruppen die Vision offener Standards für Gesundheitsplattformen, innerhalb derer etwa Krankenhäuser Patientenakten entwickeln und diese auch für die ambulante Versorgung öffnen. Hierbei seien neue Partnerschaften nötig, wie Thomas Ballast, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, betonte.

Noch steckten entsprechende Ansätze aber in den Kinderschuhen, zeigten die Diskussionen. Viele digitale Gesundheitsangebote seien weder kundenfreundlich noch konsequent aus der Perspektive der Versicherten und Patienten gedacht. Was würden Kunden sagen, warum sie Google nutzen: Weil es einfach, schnell und nützlich sei. Diese Antwort sollten einigen Teilnehmern zufolge auch Nutzer digitaler Gesundheitsangebote geben.

Inga Bergen, die als Geschäftsführerin von Welldoo unter anderem Coaching-Apps entwickelt, erläuterte die Bedeutung des Faktors Mensch: „Menschliche Interaktion, die in digitale Angebote eingebunden ist, steigert den Erfolg einer Anwendung beträchtlich.“

v.l.n.r.: Marc Barjenbuch, Andreas Reimann, Tobias Meixner, Thomas Ballast, Daniel Saga, Thilo Kaltenbach, Karsten Neumann; Foto: IGES Institut

Rahmenbedingungen anpassen und Innovationshemmnisse abbauen

Gruppenübergreifend war man sich einig, dass Innovationshemmnisse beseitigt werden müssen. Mark Barjenbruch, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, sagte: „Potenziale für die digitale Unterstützung der ambulanten Behandlung sind an vielen Stellen vorhanden, aber die Rahmenbedingungen lassen die Nutzung der Potenziale noch nicht zu.“ Weiter merkte er an, dass Ärzte digitale Angebote viel besser annehmen würden, wenn sie stärker auf ihre Bedürfnisse angepasst wären, der Arzt als Kunde betrachtet würde.

Auch Tobias Meixner, CEO des helios.hub, appellierte, dringend die regulativen Rahmenbedingungen an die Entwicklungen anzupassen: „Digitalisierung ist kein Trend, sondern eine Entwicklung, die schon vor zwei Jahrzehnten eingesetzt hat. Neu ist nun das Tempo der Entwicklung, das vor allem die zunehmende Nutzung von Smartphones auslöst.“ Gleichzeitig müssten digitale Angebote aber Qualitätsstandards erfüllen. Wie Andreas Reimann, Chef von admedicum, erläuterte, müssen auch für digitale Versorgungsangebote die etablierten „Spielregeln“ der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gelten.

Der Markt wirkt sich verändern. In der Zukunft werde ein signifikanter Teil der Wertschöpfung im Gesundheitswesen digital erbracht werden, wie die Organisatoren Karsten Neumann, Geschäftsführer am IGES Institut, und Thilo Kaltenbach, Partner bei Roland Berger, zusammenfassten. Die Akteure brächten dafür unterschiedliche Stärken und Schwächen ein. Wer den Wettlauf gewinne? Laut Ballast die Kassen: „Weil wir es können“. Abschließendes Fazit der Veranstaltung: Am Ende wird sich das beste Angebot durchsetzen, dasjenige mit einem klaren Kundennutzen und einem tragfähigen Geschäftsmodell.