Diagnose chronischer Nierenerkrankung: Risikobasiertes Screening könnte Tausende Fälle früher entdecken
Menschen mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer chronischen Nierenerkrankung sollten besser überwacht werden. IGES-Wissenschaftler haben dafür Auswahlkriterien entwickelt. Mit einem derartigen risikobasierten Screening könnten Tausende Fälle chronischer Nierenerkrankung früher erkannt und damit besser behandelt werden. Krankenkassen kann dabei eine zentrale Rolle zukommen, besonders gefährdete Versicherte auf Basis ihrer Versichertendaten zu erkennen und zu informieren.
Berlin, 16. April 2026 (IGES Institut) – Das geht aus dem Versorgungsreport 2026 mit dem Schwerpunkt chronische Nierenkrankheit hervor, den IGES-Wissenschaftler für die DAK-Gesundheit erstellt haben. Grundlage waren Analysen mit Routinedaten von rund 3,6 Millionen DAK-Versicherten ab einem Alter von 40 Jahren. Ziel war es, auf Basis datengestützter, statistischer Methoden ein zusätzliches risikobasiertes Screening auf chronische Nierenkrankheit (engl.: chronic kidney disease, CKD) zu entwickeln, ohne bestehende Versorgungsstrukturen zu ersetzen oder gar ein bevölkerungsweites Screening zu etablieren. Damit sollen besonders gefährdete Menschen möglichst früh erkannt werden, um ein Fortschreiten der Nierenerkrankung in ein kritisches Stadium zu verhindern.
Unterschätze Volkskrankheit chronische Nierenleiden
Chronische Nierenerkrankungen zählen zu den oft unterschätzten Volkskrankheiten, weil sie sich zu Beginn unbemerkt und symptomarm entwickeln. Von den rund 3,6 Millionen untersuchten DAK-Versicherten ab 40 Jahren litten im Jahr 2022 mehr als 300.000 an einer chronischen Nierenkrankheit. Hochgerechnet auf die gesamte deutsche Bevölkerung liegt die Häufigkeit (Prävalenz) dieser Erkrankung bei 6,9 Prozent. Eine Neuerkrankung wurde im Jahr 2022 bei 1,7 Prozent der DAK-Versicherten ab 40 Jahren diagnostiziert, was in der DAK-Population rund 63.000 Erstdiagnosen entspricht. Gut jeder Zweite war zu diesem Zeitpunkt 80 Jahre oder älter.
Diagnose bei fortgeschrittenem Stadium mit eingeschränkter Nierenfunktion
Als besorgniserregend bezeichneten die IGES-Autoren, dass bei 5,8 Prozent der Neudiagnostizierten bereits das zweithöchste Stadium mit schwer eingeschränkter Nierenfunktion und bei 1,1 Prozent bereits das höchste Stadium entdeckt wurde – zusammen bei rund 4.300 DAK-Versicherten. Bei ihnen besteht ein sehr hohes Risiko für eine Nierenersatztherapie wie Dialyse oder Transplantation.
Mittels maschinellen Lernens wurden im Rahmen des Reports präzise Auswahlregeln entwickelt, die mit hoher Genauigkeit anzeigen, welche Versicherten gezielt gescreent werden sollten. Diese Regeln berücksichtigen altersabhängig verschiedene Kombinationen aus Grunderkrankungen, Medikation und Begleiterkrankungen. Für Versicherte ab 80 Jahren etwa werden bereits einfache Kriterien wie Bluthochdruck oder Diabetes – die wichtigsten Risikofaktoren für CKD - in Kombination mit bestimmten Medikamenten als Screening-Indikation empfohlen. Für jüngere Altersgruppen wurden differenziertere Regeln entwickelt.
Rund 188.000 Versicherte werden ein Nierenleiden bekommen
Das höchste Risiko für ein Fortschritten der Erkrankung haben Menschen der Altersgruppe 40 bis 49 Jahre sowie 80 und ältere. Prognosemodelle zeigen zudem: Von den knapp 3,3 Millionen DAK-Versicherten ohne CDK-Diagnose im Jahr 2022 werden entsprechend der Analysen voraussichtlich 188.000 in den kommenden drei Jahren an CDK erkranken.
Durch gezieltes Screening 4.000 Nierenkranke früher entdecken
Die Routinedaten lassen auch erkennen, dass rund 2,4 Millionen DAK-Versicherte bereits aus verschiedensten Gründen unter ärztlicher Überwachung der Nierenfunktion stehen, knapp 900.000 werden jedoch nicht routinemäßig kontrolliert. Von diesen weisen knapp 100.000 ein überdurchschnittlich hohes CKD-Risiko auf. Durch gezieltes Screening dieser Hochrisikogruppe könnten über 4.000 CKD-Fälle früher erkannt und in einem niedrigeren Stadium diagnostiziert werden. Die „Number needed to treat" (NNT) liegt dabei bei nur 24 – das bedeutet, dass lediglich 24 Versicherte zusätzlich gescreent werden müssten, um eine bislang unerkannte CKD-Neuerkrankung zu entdecken. Ein bevölkerungsweites Screening hingegen wäre mit einer NNT von 146 deutlich ineffizienter.
Gefahr nierenschädigender Medikamente unterschätzt
Ein zentrales Ergebnis betrifft zudem den Einfluss nierenschädigender Medikamente. Insgesamt 77,5 Prozent der untersuchten Versicherten erhalten Arzneimittel, die potenziell die Nieren schädigen können, etwa 40 Prozent davon in hoher Dosierung. Die Analysen zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen Dosis, Einnahmedauer und Erkrankungsrisiko. Besonders relevant sind unter anderem bestimmte Psycholeptika, Immunsuppressiva sowie häufig eingesetzte Schmerz- und Entzündungsmedikamente – darunter auch frei verkäufliche Präparate, deren tatsächliche Nutzung noch unterschätzt sein dürfte, da sie in den Krankenkassendaten nicht enthalten sind.
Daten der Krankenkassen zur Früherkennung nutzen
Krankenkassen sind durch die sogenannten „Digitalgesetze" wie das Gesundheitsdatennutzungsgesetz (GDNG) inzwischen ausdrücklich ermächtigt, ihre Versorgungsdaten auszuwerten, um gefährdete Versicherte zu identifizieren und gezielt anzusprechen. Aber auch ohne kassendatenbasierte Risikomodelle wäre ein in der Versorgungspraxis implementierbares Regelsystem zur Früherkennung möglich. Dafür könnten Daten aus der Arztpraxis-Software und idealerweise noch ergänzende Daten aus der elektronischen Patientenakte (ePA) genutzt werden.