Studie zur Zukunft der Primärversorgung: Was die anstehende Reform berücksichtigen sollte
Der Hausarztmangel spitzt sich weiter zu. Waren im Jahr 2024 bundesweit rund 4.400 Hausarztsitze unbesetzt, werden es im Jahr 2040 einer IGES-Prognose zufolge 12.000 sein. Das entspricht jedem fünften Hausarztsitz. Bezogen auf Baden-Württemberg bedeutet dies, dass rund 6,5 Millionen hausärztliche Behandlungsfälle nicht mehr versorgt werden könnten. Laut IGES könnte diese Lücke durch optimierte personelle, organisatorische und technologische Bedingungen geschlossen werden. Dies setze jedoch eine echte Primärversorgung voraus, die mehr ist als eine bloße Steuerung zum Facharzt. Die geplanten Reformen in diesem Bereich sollten daher vor allem auf den Aufbau einer interprofessionellen und mit regionalen Angeboten kooperierenden Versorgung setzen.
Berlin, 20. Juli 2026 (IGES Institut) – Das ist das Fazit einer Studie des IGES Instituts für den Bosch Health Campus der Robert Bosch Stiftung. Ziel der Studie ist es, aktuelles Zahlenmaterial und konzeptionelle Impulse für die von der Bundesregierung für 2026 angekündigte Reform der Primärversorgung zu liefern.
Hausarztmangel regional verschieden
Die Untersuchung zeigt, dass sich der Hausärztemangel regional sehr unterschiedlich zeigen wird. Den Berechnungen zufolge wird im Jahr 2040 fast ein Fünftel der rund 400 deutschen Kreise (19 Prozent) hausärztlich unterversorgt sein, viele davon in ländlichen Regionen, während in Großstädten zumeist alle Hausarztstellen besetzt sein werden. Für Baden-Württemberg fällt die Entwicklung besonders ungünstig aus: Die Hausarztdichte (Hausärzte je 100.000 Einwohner) soll dort von 58 je 100.000 Einwohner im Jahr 2024 auf 51 im Jahr 2040 zurückgehen, stärker als im Bundesdurchschnitt, der von 62 auf 58 sinkt (ein Minus von fünf Prozent).
Bereits 2021 hatte IGES, damals noch im Auftrag der Robert Bosch Stiftung, die Zukunft der Primärversorgung untersucht. Die neue Prognose zur Hausarztdichte fällt etwas günstiger aus als noch vor fünf Jahren erwartet (minus fünf statt minus neun Prozent Rückgang der bundesweiten Hausarztdichte), weil inzwischen mehr Medizinabsolventen hausärztlich tätig sind. Zudem arbeiten immer mehr Hausärzte im Rentenalter weiter.
Hausärztliche Versorgung wandelt sich
Neben der reinen Zahl der Hausärztinnen und Hausärzte verändert sich auch die Art, wie hausärztliche Versorgung organisiert wird, wie die Studie für Baden-Württemberg zeigt. Demzufolge sank dort der Anteil der Einzelpraxen leicht auf 70 Prozent, während der Anteil der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) auf vier Prozent und der Berufsausübungsgemeinschaften auf 26 Prozent stieg.
Nichtärztliche Gesundheitsberufe nehmen zu
Deutlich zugenommen hat der Anteil angestellt tätiger Hausärzte in dem Bundesland: von 11 Prozent im Jahr 2015 auf 28 Prozent im Jahr 2025. Die Zahl der Hausärztinnen und Hausärzte selbst blieb mit gut 7.000 Personen nahezu konstant, die tatsächlich verfügbare hausärztliche Kapazität sank aber wegen zunehmender Teilzeittätigkeit um fast 4 Prozent. Eine besondere Rolle spielt in Baden-Württemberg die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV): 2025 nahmen 72 Prozent der Hausarztpraxen daran teil, weit über dem Bundesdurchschnitt (22 Prozent). Gleichzeitig hat die Mitarbeit nichtärztlicher Gesundheitsberufe zugenommen: Fast 1.600 Personen waren 2025 als Nichtärztliche Praxisassistenzen (NäPa) tätig (ein Plus von 74 Prozent zu 2015) und rund 3.600 als Versorgungsassistenz in der Hausarztpraxis (VERAH) im Rahmen der HzV (plus 94 Prozent).
Einflussfaktoren auf den ambulanten Versorgungsbedarf untersucht
Teil der Studie ist eine Szenarioanalyse, die untersucht, wie sich die für 2040 in Baden-Württemberg erwartete Versorgungslücke von 6,5 Millionen Behandlungsfällen verringern oder sogar ganz schließen ließe. Dafür wurden sieben Einflussfaktoren einzeln durchgerechnet. So könnte der Versorgungsbedarf etwa durch bessere Prävention um fünf Prozent sinken und die Zahl der Behandlungsfälle um 1,5 Millionen auf fünf Millionen reduzieren. Steigt der Anteil der Medizinabsolventen, die sich für die Allgemeinmedizin entscheiden, von den prognostizierten 9,2 auf 11 Prozent, verringert sich die Lücke auf 5,5 Millionen Fälle. Den stärksten Einfluss hätte der stärkere Einbezug nichtärztlicher Fachkräfte, der die Lücke um 2,1 Millionen auf 4,4 Millionen Fälle verringern könnte.
Die Studienautoren weisen darauf hin, dass vermutlich keine dieser Stellschrauben für sich genommen ausreicht, um die prognostizierte Lücke zu schließen. Vielmehr müsste auf mehreren Ebenen gehandelt werden.
Künftige Primärversorgung umfassender betrachten
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass sich die Folgen des Hausärztemangels am ehesten durch eine konsequente Primärversorgung mit ihren Kernfunktionen abfedern lassen. Die aktuelle Debatte um das geplante Gesetz zur Einführung einer umfassenden Primärversorgung verenge sich jedoch oft zu stark auf eine bessere Steuerung von Patientinnen und Patienten zum Facharzt, etwa über digitale Ersteinschätzungen. Entscheidend sei stattdessen, dass die künftige Primärversorgung den Großteil gesundheitlicher Anliegen selbst abschließend behandeln kann, was interprofessionelle und mit regionalen Strukturen kooperierende Versorgungsformen voraussetzt.
Die Studie trägt den Titel „Primärversorgung 2035+: Gesundheit vor Ort neu gestalten, Perspektiven für Baden-Württemberg, Impulse für Deutschland“. Grundlage der Berechnungen waren unter anderem Daten der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW), der Hausärztlichen Vertragsgemeinschaft AG (HÄVG AG) sowie des Bundesarztregisters der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).
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