Update IGES-Projektion: Sozialabgaben könnten 2035 auf bis zu 50 Prozent steigen

Die Finanzsituation der gesetzlichen Krankenversicherung bleibt durch das absehbare Auslaufen der jüngsten Unterstützungsmaßnahmen der Bundesregierung und Mehrausgaben weiterhin unter Druck. Einer aktuellen IGES-Projektion zufolge droht den Krankenkassen 2027 eine Finanzlücke von bis zu zwölf Milliarden Euro. Ohne weitere Stabilisierungsmaßnahmen sind dort, aber auch in anderen Zweigen der Sozialversicherung, kräftige Beitragssatzsteigerungen absehbar. Bis 2035 könnte sich die Abgabelast der Sozialversicherung auf bis zu 50 Prozent belaufen.

Berlin, 26. Januar 2026 (IGES Institut) - Das geht aus Berechnungen des IGES Instituts für die DAK-Gesundheit hervor, die eine Studie von Juni 2025 aktualisieren. Es handelt sich dabei um szenarienbasierte Berechnungen zur Beitragssatzentwicklung für alle Zweige der Sozialversicherung, also gesetzliche Renten-, Kranken-. Pflege- und Arbeitslosenversicherung, bis zum Jahr 2035, die Dr. Richard Ochmann, Projektleiter Gesundheitspolitik am IGES Institut, im Rahmen einer Pressekonferenz der DAK in Berlin vorstellte. Im Vergleich zu den Berechnungen aus Mitte 2025 fällt der nun projizierte Anstieg des Gesamtsozialversicherungsbeitrages etwas stärker aus.

Krankenkassen bauen vorgeschriebene Rücklagen wieder auf

Zu Beginn des Jahres 2026 stieg der Beitragssatz in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) auf 17,7 Prozent, inklusive eines durchschnittlich erhobenen Zusatzbeitragssatzes von 3,13 Prozent. Nach IGES-Berechnungen ist der aktuell erhobene Zusatzbeitrag höher als der rechnerisch ausgabendeckende Zusatzbeitrag (2,93 Prozent), was vor allem dem fortgesetzten Rücklagenaufbau vieler Kassen geschuldet ist.

Unterstützungsmaßnahmen der Bundesregierung für die GKV laufen aus

Ab 2027 laufen das für 2025 und 2026 gewährte Bundesdarlehen sowie die dämpfenden Effekte des sogenannten kleinen Sparpakets der Bundesregierung aus, während zusätzliche Ausgaben etwa für Krankenhäuser und Apotheken anfallen und die Leistungsausgaben weiter kräftig zunehmen dürften. Für das Jahr 2027 beziffern die IGES-Experten den noch ungedeckten Finanzbedarf der GKV auf knapp zwölf Milliarden Euro. Dies entspräche ohne weitere Gegenmaßnahmen einem Beitragssatzanstieg in der GKV um etwa sechs Zehntel Prozentpunkte auf 18,3 Prozent.

Schere zwischen Ein- und Ausgaben der GKV öffnet sich weiter

In den Folgejahren öffnet sich der Projektion zufolge die Schere zwischen Ausgaben und Einnahmen weiter. 2035 könnte der Beitragssatz bei mittlerer Entwicklung der beitragssatzrelevanten Einflussfaktoren wie etwa der Lohn- oder Wirtschaftsentwicklung und ohne Gegenmaßnahmen bei 20,6 Prozent liegen. Bei ungünstiger Entwicklung könnten es sogar 23 Prozent sein.

Deutliche finanzielle Belastungen in der Pflegeversicherung

Auch die soziale Pflegeversicherung (SPV) steht vor deutlichen finanziellen Belastungen: Dort könnte der Beitragssatz bereits 2027 um knapp drei Zehntel auf 4,1 Prozent steigen, weil die Wirkung von Bundesdarlehen ausläuft und die Zahl der Pflegebedürftigen weiter zunimmt. Der errechnete Finanzbedarf beläuft sich den Berechnungen nach auf 5,5 Milliarden Euro.

Ab dem Jahr 2035 können Auszahlungen aus dem Pflegevorsorgefonds zur Beitragssatzstabilisierung eingesetzt werden. Mit diesen kann der Beitragssatz allerdings erst am Ende des Projektionszeitraums stabilisiert werden. Bis dahin wird er im Basisszenario weiter bis auf knapp 5 Prozent ansteigen. Nur bei günstiger Entwicklung der Rahmenbedingungen würde ein weiterer Anstieg in den 2030er Jahren weitgehend vermieden, bei ungünstigem Verlauf hingegen wäre mit einem Anstieg auf 5,7 Prozent im Jahr 2035 zu rechnen.

Demografiebedingter Beitragsanstieg in der Rentenversicherung

In der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) bleibt der Beitragssatz zunächst stabil. Bis 2027 kann er laut IGES-Projektion voraussichtlich bei 18,6 Prozent gehalten werden, allerdings nur durch einen weiteren Abbau der Nachhaltigkeitsrücklage. Ab 2028 sind deutliche Anhebungen erforderlich, um die gesetzlich vorgesehene Mindestreserve sicherzustellen. Im Basisszenario steigt der Rentenbeitrag bis 2035 schrittweise auf rund 21 Prozent. Ein Beitragsanstieg in der GRV ergibt sich in allen drei Szenarien und ist in erster Linie demografiebedingt.

Arbeitslosenversicherung hängt von konjunktureller Entwicklung ab

Die Arbeitslosenversicherung zeigt kurzfristig eine vergleichsweise stabile Entwicklung, allerdings nur gestützt durch Bundesdarlehen und unter der Annahme, dass es im kommenden Jahr einen konjunkturellen Aufschwung geben wird. Wenn die Bundesdarlehen jedoch in den kommenden Jahren zurückgeführt werden, steigt mittel- und langfristig auch hier der Finanzierungsbedarf, zumal darüber hinaus die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung demografisch bedingt abnehmen und die Arbeitslosenquote wieder zunehmen werden. Der Beitragssatz könnte im Basisszenario bis 2035 auf rund 3,4 Prozent steigen.

Sozialgarantie von 40 Prozent bei Sozialabgaben außer Reichweite

In der Gesamtschau ergibt sich daraus ein fortgesetzter Anstieg des Gesamtsozialversicherungsbeitrags. Nach 42,7 Prozent im Jahr 2026 dürfte die Abgabenlast 2027 bereits auf rund 43,6 Prozent zunehmen. Für 2029 projiziert IGES im Basisszenario einen Wert von gut 46,3 Prozent. Bis 2035 steigt der Gesamtsozialversicherungsbeitrag demnach auf rund 50 Prozent; bei ungünstiger Entwicklung sogar auf nahezu 54 Prozent. Damit rückt die einstige „Sozialgarantie“ von maximal 40 Prozent endgültig außer Reichweite.

Die IGES-Autoren betonen, dass es sich um szenarienbasierte Projektionen handelt, die auf der Annahme beruhen, dass keine zusätzlichen Maßnahmen zur nachhaltigen Stabilisierung der Finanzentwicklung ergriffen werden. Sie sollen den Handlungsbedarf zeigen.

Mit einnahmeorientierter Ausgabenpolitik entgegenwirken

So ließe sich dem für 2027 erwarteten Beitragsanstieg in der GKV durch eine stärker einnahmenorientierte Ausgabenpolitik entgegenwirken, wie schon lange von der DAK-Gesundheit gefordert. Zu diesem Zweck könnten - zumindest zeitlich befristet – die in einzelnen Leistungsbereichen bestehenden Ausnahmen vom Grundsatz der Beitragssatzstabilität ausgesetzt werden. Zudem könnte sich die Umsetzung dieses Grundsatzes an der Entwicklung der voraussichtlichen Einnahmen – anstatt an der Entwicklung in den vergangenen Jahren – orientieren.

GKV-Ausgaben 2027 könnten um 8 Milliarden Euro reduziert werden

Nach IGES-Schätzungen für einen großen Teil der in Frage kommenden Leistungsbereiche könnte die Ausgabenentwicklung in der GKV hierdurch im Jahr 2027 um knapp 8 Milliarden Euro gedämpft werden, was den gegenwärtig noch ungedeckten Finanzbedarf (nach Bereinigung um „Sondereffekte“ wie das Sparpaket der Bundesregierung und Bundesdarlehen ) voraussichtlich decken würde.

Es handelt sich mittlerweile um die vierte Studie des IGES Instituts für die DAK-Gesundheit zu diesem Thema innerhalb der vergangenen zwei Jahre.

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