Analysen zur neuen US-Arzneimittelpreispolitik: Deutschland als Referenzmarkt für Arzneimittelpreise

Deutschland nimmt unter den europäischen Referenzländern der neuen US-Meistbegünstigungspolitik eine Sonderstellung ein. Als einziges europäisches Land mit öffentlich zugänglichen Netto-Erstattungsbeträgen bietet Deutschland den US-Behörden eine direkt verwertbare Preisreferenz. Welche Folgen das für die künftige Versorgung deutscher Patienten mit innovativen Arzneimitteln hat, ist derzeit noch offen.

Berlin, 22. Mai 2026 (IGES Institut) - Das ist das Fazit eines Webinars des IGES, bei dem Vertreter aus Politik, Selbstverwaltung und Industrie Inhalte und Folgen der neuen US-Arzneimittelpolitik diskutiert haben. Hintergrund ist der am 12. Mai 2025 von US-Präsident Donald Trump unterzeichnete Präsidialerlass „Delivering Most-Favored-Nation Prescription Drug Pricing to American Patients". Das Prinzip der Most-Favored-Nation (MFN), deutsch Meistbegünstigungsklausel, stammt aus dem internationalen Handelsrecht und bedeutet übertragen auf Arzneimittel, dass die US-Regierung von global tätigen Herstellern dieselben günstigen Konditionen einfordern kann, die diesen anderen Ländern gewähren.

Ziel der Trump-Administration ist es, die Arzneimittelpreise in den USA zu senken und an die niedrigsten Preise vergleichbarer entwickelter Länder zu koppeln. Derartige Aktivitäten habe es auch bereits von früheren US-Regierungen gegeben, diesmal werde es jedoch sehr konkret, erläuterte IGES-Experte Dr. Tilo Mandry.

Erhebliche Preisunterschiede bei Arzneimitteln zwischen USA und Deutschland

Die IGES-Expertin Juna Hertlein, bezifferte die derzeit bestehenden, erhebliche Preisunterschiede zwischen den USA und Deutschland auf Basis aggregierter Vergleiche Daten. Bei arztverabreichten Arzneimitteln, die Patienten über das staatliche Programm Medicare Part B – dem US-Krankenversicherungsprogramm für Ältere und Menschen mit Behinderungen – erhalten, lagen demnach die US-Preise im Mittel um den Faktor 2,6 über den deutschen Erstattungsbeträgen – mit einem Höchststand von 3,9 im Jahr 2025.

Bei selbst verabreichten Arzneimitteln (Medicare Part D, der Arzneimittelkomponente desselben Programms) betrug der Faktor im Mittel 3,8, mit einem Höchststand von 4,7 im Jahr 2023. Über alle Vergleichsländer hinweg – Frankreich, Deutschland, Italien, Japan und das Vereinigte Königreich – lagen die US-Milligramm-Listenpreise innovativer Arzneimittel im Mittel um den Faktor 3,2 höher, mit steigender Tendenz (2023: Faktor 3,6).

Die IGES-Analysen basieren auf öffentlich zugänglichen Listenpreisdaten; tatsächliche Nettopreise in den USA sind nicht einsehbar, da Rabatte dort vertraulich sind. Die Auswertungen entstanden für die Unternehmen Boehringer Ingelheim und Bristol-Myers Squibb, die auch das Webinar mit unterstützt haben.

Deutschland bei allen US-Erstattungsmodellen als Referenzland

Zur Umsetzung der MFN-Politik habe das Innovationscenter der Centers for Medicare & Medicaid Services (CMMI) drei Erstattungsmodelle entwickelt, die internationale Preise als Benchmark heranziehen und Deutschland jeweils als Referenzland einschließen, hieß es während des Webinars. GENEROUS läuft seit Januar 2026 als Pilotprogramm für Medicaid, das US-Programm für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen. GLOBE soll ab Oktober 2026 für arztverabreichte Arzneimittel in Medicare Part B gelten, GUARD ab Januar 2027 für selbst verabreichte Arzneimittel in Medicare Part D – beide verpflichtend für rund 25 Prozent der Versicherten. Lediglich GENEROUS ist bislang in Kraft; GLOBE und GUARD liegen als Entwürfe vor und sind noch nicht verabschiedet. Parallel zu den drei Modellen haben 17 führende Pharmaunternehmen als Reaktion auf direkte Schreiben der US-Regierung Vereinbarungen über zum Teil erhebliche Preisnachlässe abgeschlossen.

USA als globaler Innovationsträger bei Arzneimitteln

„Die Ausgangslage ist komplex. Die bisherigen Regelungen sind noch nicht konkret ausgestaltet, und wer heute über die Folgen spricht, schaut ein Stück weit in die Glaskugel", sagte Mandry. Dabei sei jedoch zu berücksichtigen, dass die USA ein globaler Innovationsträger sei und der US-Markt überproportional zur Finanzierung von Arzneimittelinnovationen beitrage.

„Der deutsche Markt für innovative Arzneimittel ist im Vergleich zu den USA klein. Deutschland hat einen Anteil von rund vier Prozent am Weltmarkt, die USA hingegen etwa zwei Drittel. Das sollte man bei der Bewertung der Lage nicht außer Acht lassen." IGES-Angaben zufolge repräsentiert der US-Markt mit einem geschätzten Gesamtvolumen von rund 800 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 etwa 55 Prozent des weltweiten Arzneimittelmarkts.

Deutsche Arzneimittelpreise sehr früh öffentlich zugänglich

„Eine Besonderheit in Deutschland ist, dass die Preise im Vergleich zu anderen EU-Ländern sehr früh feststehen und frei zugänglich sind. Dadurch könnte der deutsche Preis künftig direkt dazu beitragen, den US-Preis abzusenken. Als Folgewirkung könnten sich Hersteller veranlasst sehen, den Zeitpunkt der Markteinführung und die Preisbildungsstrategien neuer, innovativer Arzneimittel in Deutschland neu zu bewerten“, erläuterte Mandry.

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