Nachwuchsmangel: In zehn Jahren fehlen in München 2.100 Pflegekräfte

An Münchner Kliniken gibt es bereits aktuell zu wenig Pflegekräfte. Diese Situation wird sich in den kommenden zehn Jahren weiter zuspitzen. Prognosen zufolge werden dann rund 2.100 Pflegekräfte zusätzlich fehlen, um freiwerdende Stellen nachzubesetzen. Erschwerend kommt der künftig steigende Pflegebedarf der Münchner hinzu, eine Folge des demographischen Wandels.

Titel der Studie: Analyse der Situation der Pflege und Geburtshilfe (Hebammen) in den Münchner Krankenhäusern

Hintergrund: Klinikleitungen in München berichten von einem aktuellen Mangel an Pflegefachkräften und befürchten, dass sich die Lage weiter verschärft. Auch die Landespolitik hat sich des Themas angenommen. Eine umfassende und systematische Bestandsaufnahme der Lage fehlt bisher.

Fragestellung: Wie stellt sich die aktuelle Situation der Pflegekräfte in Münchner Krankenhäusern dar? Wie wird sich der Bedarf an Pflegekräften in den kommenden zehn Jahren entwickeln?

Methode: Auswertung von Sekundärdaten zur stationären Versorgung, quantitative Befragungen von Pflegepersonal, Kliniken sowie Ausbildungsstätten, Experteninterviews.

Ergebnisse: Zahlreiche Kennzahlen wie der Pflegeschlüssel oder die Arbeitsbelastung belegen einen aktuellen Mangel an Pflegekräften in München. In zehn Jahren werden zudem 2.100 Pflegekräfte zusätzlich fehlen, um freiwerdende Stellen nachzubesetzen.

Autoren: Dr. Monika Sander, Dr. Stefan Loos, Ender Temizdemir
 
Auftraggeber: Referat für Gesundheit und Umwelt, Landeshauptstadt München

Schlagwörter: Krankenhaus, Pflegekräfte, Pflegekräftemangel, Bestandsaufnahme, München

Berlin, 19. August 2019 (IGES Institut) - Das ist das Ergebnis einer bundesweit ersten Studie ihrer Art, die auf kommunaler Ebene die Pflegekräftesituation in Krankenhäusern untersucht. Wissenschaftler des IGES Instituts haben sie im Auftrag des Referats für Gesundheit und Umwelt der Landeshauptstadt München erstellt.

Der aktuelle Mangel an Pflegekräften zeigt sich in verschiedenen Bereichen, auf die sowohl Klinikleitungen als auch Pflegekräfte in Befragungen für die Studie hinweisen. Dazu gehört die aktuell hohe Arbeitsbelastung der Beschäftigten. Die befragten Pflegekräfte leisteten durchschnittlich knapp 16 Überstunden je Monat. Mehr als zwei Drittel konnten zudem im vorausgegangenen Jahr die Pausenzeiten nicht außerhalb der Station verbringen. Kliniken berichteten, dass sowohl die Anzahl der zu versorgenden Patienten je Pflegefachkraft als auch der Pflegeaufwand in den vergangenen fünf Jahren zugenommen hätten.

Kliniken sind auf Leiharbeitskräfte in der Pflege angewiesen

Weiteres Indiz für den aktuellen Pflegefachkräftemangel sind Probleme der Kliniken, freie Stellen zu besetzen. Rund ein halbes Jahr kann dies den Angaben zufolge dauern. Aus diesem Grund gaben zwei Drittel der befragten Kliniken an, im Jahr 2017 Leiharbeitskräfte zu beschäftigen. Fünf Prozent der Planstellen im Bereich Krankenpflege waren Anfang 2018 unbesetzt.

Mehr als jede zweite Pflegekraft hatte nach eigenen Angaben das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben, um Patienten so zu betreuen, wie sie für richtig oder notwendig halten. 76 Prozent waren mit ihrem Einkommen unzufrieden und 66 Prozent mit der Anerkennung ihrer Tätigkeit. Hingegen war jede zweite Pflegekraft zufrieden mit ihren Arbeitszeiten, der Zusammenarbeit mit den Ärzten sowie mit den Weiterbildungsmöglichkeiten. Allerdings dachte auch mehr als ein Drittel im Laufe des vergangenen Jahres oft oder sogar sehr oft daran, den Beruf aufzugeben. Zu geringes Einkommen, zu hohe Arbeitsbelastung und zu hohe Lebenshaltungskosten in München nannten sie als häufigste Gründe dafür. Jede dritte Pflegekraft ist 50 Jahre alt und älter.

Pflegeschüler denken über Abbruch ihrer Ausbildung nach

Probleme im Bereich Pflege beginnen allerdings nicht erst im Praxisalltag. Die schlechte Situation dort bekommen die Schülerinnen und Schüler bereits während der Ausbildung zu spüren. Zwar sind knapp drei Viertel mit ihrer Ausbildung zufrieden. Ein Drittel ist jedoch mit der Praxisanleitung eher oder sehr unzufrieden, weil Anleiter fehlten oder überlastet waren. Jeder zweite Schüler hat schon einmal über einen Abbruch nachgedacht, wegen zu hoher Arbeitsbelastung und der Arbeitsbedingungen. Und rund ein Viertel der Schülerinnen und Schüler will eher nicht oder auf keinen Fall in dem Ausbildungsberuf arbeiten. Auch dabei waren die Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen sowie mit den Verdienstmöglichkeiten die am häufigsten genannten Gründe.

Als Folge gehen die Studienautoren davon aus, dass der pflegerische Nachwuchs künftig nicht ausreichen wird, freiwerdende Stellen durch Ruhestand oder Berufsaufgabe nachzubesetzen. So prognostizieren sie, dass in zehn Jahren rund 2.600 Absolventen einer Pflegeausbildung rund 4.700 nachzubesetzenden Stellen gegenüberstehen, also rechnerisch 2.100 Pflegefachkräfte fehlen. Erschwerend kommt der künftig steigende Pflegebedarf der Münchner hinzu. Hochrechnungen zufolge wird die Landeshauptstadt im Jahr 2035 ein Fünftel mehr Bewohner haben, die zudem im Durchschnitt älter als heute sein werden. All dies wird die derzeitige Überlastung der Pflegefachkräfte weiter verschärfen, wenn keine geeigneten Maßnahmen ergriffen werden.
     
München verfügt über 52 Krankenhausstandorte mit rund 11.300 Betten und knapp 8.000 dort tätigen Pflegefachkräften. An der Studie beteiligte sich knapp jede dritte Klinik, die zusammen knapp die Hälfte der Münchner Krankenhausbetten repräsentieren. Eingeflossen sind ferner Befragungsergebnisse von 1.229 Pflegefachkräften und 463 Pflegeschülern und Pflegestudierenden.