Eine von vier freiberuflich tätigen Hebammen denkt an Berufsausstieg

Für mehr als jede vierte Mutter in Bayern war es schwer bis sehr schwer, eine Hebamme für die Betreuung während der Schwangerschaft und im Wochenbett zu finden. Bei der am häufigsten nachgefragten Hilfe, der Wochenbettbetreuung, gingen hochgerechnet 2.750 Mütter im Jahr 2016 sogar ganz leer aus. Derartige Versorgungsengpässe könnten sich künftig weiter zuspitzen: Weil die Geburtenzahlen in Bayern steigen. Und weil immer mehr Hebammen überlegen, ihren Beruf aufzugeben und ihre Arbeitszeiten zu reduzieren. Hohe Arbeitsbelastung, zu geringes Einkommen und Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen nennen sie als häufigste Gründe.

Titel der Studie: Studie zur Hebammenversorgung im Freistaat Bayern

Hintergrund: Die Versorgungssituation in der Hebammenhilfe ist seit einigen Jahren sowohl bundesweit als auch in Bayern in der öffentlichen Diskussion. Zunehmend wird von Versorgungsengpässen, sowohl in den Kliniken, als auch im Bereich der außerklinischen Hebammenhilfe berichtet. Umfassende Daten zu einer systematischen Beurteilung der aktuellen Lage fehlen jedoch.

Fragestellung: Wie stellt sich die Versorgung von Schwangeren und jungen Müttern in Bayern dar? Wo besteht Handlungsbedarf?

Methode: Quantitative Befragung von Hebammen, Müttern, Geburtskliniken und Berufsfachschulen in Bayern, qualitative Experteninterviews, Auswertung von Fachliteratur zur Hebammenhilfe und von Daten der Geburts-, Bevölkerungs- und Krankenhausstatistik.

Ergebnisse: In Bayern steigen die Geburtenzahlen überproportional. Hebammen haben ihre Arbeitszeit in den vergangenen Jahren immer weiter ausgeweitet. Dennoch hatte es jede vierte Mutter schwer bis sehr schwer, Hebammenbetreuung zu finden und viele Hebammen können die Frauen nicht mehr so betreuen, wie sie es für richtig halten. Versorgungsengpässe könnten zukünftig weiter zunehmen, weil viele Hebammen über einen Berufsausstieg und eine Reduzierung der Arbeitszeit nachdenken.

Autoren: Monika Sander, Martin Albrecht, Stefan Loos, Verena Stengel, Mitarbeit von Lara Kleinschmidt
    
Auftraggeber: Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege

Schlagwörter: Hebammen, Hebammenversorgung, Geburtshilfe, Bayern

Berlin, 14. September 2018 (IGES Institut) - Das geht aus einer Studie des IGES Instituts für das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege hervor, bei der Mütter, Hebammen und Krankenhäuser über ihre Situation befragt wurden. Danach ist es vor allem in Ballungsgebieten, insbesondere in München, für werdende Mütter schwer, eine Hebammenhilfe für die Begleitung vor und nach der Geburt zu organisieren. So musste in der Landeshauptstadt knapp jede dritte Schwangere mehr als sieben Hebammen kontaktieren, um fündig zu werden. In ländlichen Regionen waren es nur vier Prozent.

Auch Hebammen berichteten, dass die Zahl der Anfragen ihre Möglichkeiten überschreite. 71 Prozent – in München sogar 91 Prozent – erhielten mehr Anfragen für eine Wochenbettbetreuung als sie annehmen konnten. Bei der Frage nach Beleggeburtshilfe mit 1:1-Betreuung konnte die Hälfte der Hebammen mit einem derartigen Leistungsangebot Anfragen nicht erwidern.

Auch Krankenhäuser suchen Hebammen

Knapp sieben Prozent der Mütter mit einer Geburt im Krankenhaus – hochgerechnet rund 8.000 Frauen – hätten gerne außerklinisch entbunden, etwa in einem Geburtshaus oder in einer Hebammenpraxis. Sie konnten dafür jedoch keine entsprechende Hebamme finden oder sich nicht die zugehörige Rufbereitschaftspauschale leisten, wie die Befragung zeigte. Aber auch Krankenhäuser schilderten Schwierigkeiten, Hebammenstellen zu besetzen.

Deutlich wurde in der Studie aber auch, dass die meisten Mütter mit der Hebammenbetreuung während der Schwangerschaft, während der Geburt und im Wochenbett (sehr) zufrieden waren. Dass die Betreuung von Schwangeren und Müttern durch Hebammen in den vergangenen Jahren insgesamt gelang, liegt der Studie zufolge vor allem daran, weil Hebammen ihre Arbeitszeiten immer weiter ausgeweitet haben.

Hebammen wollen Arbeitszeit reduzieren

Doch dies belastet die Geburtshelferinnen zunehmend: Etwa jede Zweite gibt an, mehr als gewünscht zu arbeiten. Fast jede zweite der angestellten Hebammen und rund 60 Prozent der freiberuflichen Hebammen dachten 2016 oft bis sehr oft daran, Arbeitszeit zu reduzieren. Mehr als jede vierte ausschließlich freiberuflich sowie kombiniert freiberuflich und angestellt tätige Hebamme erwog, ihre freiberufliche Tätigkeit aufzugeben. Jede dritte Hebamme überlegte, Wochenbettbetreuungen aus ihrem Angebotskatalog zu streichen. Im Bereich Geburtshilfe plante jede zehnte Hebamme, Beleggeburthilfe im Schichtdienst einzuschränken.

Als häufigste Gründen nannten die befragten Hebammen eine zu hohe Arbeitsbelastung, ein zu geringes Einkommen, aber auch mangelnde Anerkennung ihrer Arbeit sowie zu viele fachfremde Tätigkeiten. Die Hebammen äußerten zudem Unzufriedenheit über ihre Arbeit. Insbesondere angestellte Hebammen gaben lediglich zu 7 Prozent an, dass sie bei der Arbeit genug Zeit hätten, die Frauen so zu betreuen wie sie es für richtig hielten. Bei den freiberuflichen Hebammen betrug der Anteil rund 31 Prozent.

Versorgungslücken könnten sich ausweiten

Angesichts weiter steigender Geburtenzahlen in Bayern warnen die IGES-Experten davor, dass sich die aktuell noch vereinzelten Versorgungslücken ausweiten könnten. Maßgeblicher Einflussfaktor dafür sind die überproportional steigenden Geburtenzahlen in Bayern. 125.700 Kinder kamen 2016 dort auf die Welt. Zwischen 2011 und 2016 stiegen die Geburtenzahlen um rund 21 Prozent. Der Anstieg wird Prognosen zufolge noch bis 2023 anhalten.

In Bayern waren im Jahr 2016 etwa 2.960 Hebammen tätig, rund 80 Prozent davon freiberuflich. An der Befragung beteiligten sich 1.084 Geburtshelferinnen sowie 1.346 Mütter, die zwischen 2016 und 2017 ein Kind zur Welt gebracht haben. Es nahmen zudem 44 Geburtskliniken teil, in denen knapp die Hälfte aller Geburten in Bayern stattfanden.