IGES-Expertin: „Es gibt keine überproportionale Standortaufgabe von Apotheken im ländlichen Raum“
In der Diskussion über die Situation der Apotheken hat das IGES Institut neue empirische Befunde eingebracht. Trotz eines Rückgangs an Standorten bleibe die Erreichbarkeit von Apotheken für die Bevölkerung weiterhin sehr hoch. Vergütungsänderungen sollten differenziert betrachtet werden, denn eine pauschale Erhöhung des Apotheken-Fixums sei kein zielgerichtetes Mittel, um wirtschaftlich gefährdete Apotheken zu stärken und die Versorgung zu stabilisieren.
Berlin, 5. März 2026 (IGES Institut) – Darauf wies die IGES-Expertin Iris an der Heiden bei einer Anhörung des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages hin. Bei der Sitzung ging es um die von der Bundesregierung geplante Apothekenreform. Erörtert wurde ferner das Apothekenhonorar, konkret des Fixums, das Apotheken pauschal für die Abgabe einer verschreibungspflichtigen Fertigarzneimittelpackung erhalten, auch wenn diese Anpassung jedoch nicht Teil des Gesetzesentwurfes ist.
Nach Angaben von an der Heiden sei die Zahl der Apotheken zwischen 2020 und 2025 zwar deutlich gesunken. Rund 12 Prozent der Standorte seien weggefallen, insgesamt 3021 Apotheken. Die Erreichbarkeit der Bevölkerung im 5-Kilometer-Radius habe sich in dieser Zeit jedoch für weniger als ein Prozent der Bevölkerung verschlechtert. Es gelte weiterhin: „99,9 Prozent der Menschen erreichen mit dem Auto innerhalb von 15 Minuten eine Apotheke“, berichtet die IGES-Expertin von Analysen, die aus einem Gutachten für den Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen, GKV-Spitzenverband, stammen.
Besonders gut sei die Versorgung dort, wo Patienten typischerweise ein Rezept erhalten – in der Nähe von Arztpraxen. Von knapp zwei Dritteln der Praxen aus sei eine Apotheke innerhalb von zehn Minuten zu Fuß erreichbar, bei etwa 30 Prozent sogar innerhalb von fünf Minuten. Von den Wohnorten aus betrachtet liege dieser Anteil dagegen nur bei etwa fünf Prozent. „Insgesamt ist die Erreichbarkeit von Apotheken als sehr gut anzusehen, trotz des Rückgangs bei der Anzahl der Standorte“, so ihr Fazit.
Mit Blick auf die politische Debatte über eine Erhöhung des Fixums für verschreibungspflichtige Arzneimittel verwies die Sachverständige auf Faktoren, die Standortaufgaben begünstigen. Standortschließungen gebe es nicht überproportional im ländlichen Raum, sondern überall dort, wo die Bevölkerungsdichte, insbesondere die Zahl älterer Menschen, sowie die Arztdichte geringer seien oder mehrere Apotheken in unmittelbarer Nähe konkurrierten. Auch diese Zusammenhänge habe das IGES Institut untersucht. Im Kern handele es sich um eine Konsolidierung mit Verdrängungswettbewerb, bei der wirtschaftlich stabile Standorte von einer guten medizinischen Infrastruktur und einer größeren Einzugsbevölkerung profitierten.
Eine pauschale Erhöhung des Fixums wirke nicht zielgerichtet gegen die Faktoren, die Standorte bedrohen, so an der Heiden. Apotheken hätten zwar hohe Fixkosten etwa durch Lage und qualifiziertes Personal. Entscheidend für ihre wirtschaftliche Stabilität sei jedoch die Frequenz der Patienten. Gerade wirtschaftlich gefährdeten Apotheken fehle typischerweise diese Frequenz, um die hohen Fixkosten zu decken.
Nach ersten Analysen des IGES Instituts würde eine Fixumerhöhung diesen Betrieben nur begrenzt helfen. Gefährdete Apotheken erhielten dadurch lediglich „wenige tausend Euro Rohgewinn im Jahr“ zusätzlich. Der größte Teil der erwarteten Mehrausgaben von knapp einer Milliarde Euro würde dagegen an Apotheken mit bereits hohen Bruttobetriebsüberschüssen und an Versandapotheken gehen.
Foto: Deutscher Bundestag – Screenshot aus der Aufzeichnung der Sitzung des Gesundheitsausschusses, 04.03.2026