Das heutige IGES Institut wurde im Jahr 1980 als „IGES Institut für Gesundheits- und Sozialforschung“ von Wissenschaftlern der Technischen Universität Berlin (TU Berlin) gegründet. Im Jahr 2008 erfolgte die Umbenennung in „IGES Institut“.
Das IGES Institut blickt somit auf eine mehr als 45-jährige Geschichte zurück und ist heutzutage eines der größten unabhängigen Forschungs- und Beratungsinstitute für Gesundheitssystemforschung in Deutschland.
Der Ausgang für die Gründung eines Forschungsinstituts für das Gesundheitswesen war die Beschäftigung mit dem Bau von Krankenhäusern. Die IGES-Gründer hatten sich jahrelang damit beschäftigt, welche infrastrukturellen und ökonomischen Bedingungen für den Neubau von Kliniken erfüllt sein müssen. Dabei wurde ihre Arbeit immer stärker von der Frage beeinflusst, wie das Gesundheitssystem an sich funktioniert. Deutlich wurde ihnen der große Forschungsbedarf auf diesem Gebiet, dem sie mit der Gründung eines unabhängigen, privatwirtschaftlichen Instituts Rechnung trugen.
Wissenschaftlich fundierte Analysen und evidenzbasierte Lösungen für die Herausforderungen des komplexen Gesundheitssystems sind das, was die Arbeit des IGES Instituts damals und heute ausmacht.
Eine Chronik der wichtigsten Entwicklungen des IGES Instituts
1980+
Erste Auswertungen mit Krankenkassen-Daten entstehen im IGES Institut: Was leistet das Gesundheitswesen?
Ausgangspunkt für IGES ist die strikte empirische Ausrichtung. Sie führt dazu, dass erstmals Daten von Krankenkassen elektronisch verfügbar gemacht werden. Die frühen 80er Jahre sind vor allem von „Transparenzprojekten“ geprägt. Es wird analysiert, was das Gesundheitssystem leistet, wer diese Leistungen in Anspruch nimmt, warum und welche Kosten sich daraus ergeben. Die Verflechtung des Gesundheitssystems mit anderen regionalen und kommunalen Leistungen ist in der Anfangszeit prägend.
1985+
IGES prägt den Begriff Versorgungsforschung: Welche Versorgungsqualität hat der ambulante Sektor?
Obwohl die Versorgungsforschung mit medizinischen Fragestellungen von Beginn an einen wichtigen Stellenwert hatte (IGES hat den Begriff „Versorgungsforschung“ 1990 vermutlich erstmalig verwendet), folgen jetzt Projekte, bei denen die Analyseergebnisse auch direkt an Ärzte zurückgespielt werden. Dies ist der Einstieg in die Qualitätssicherung. Für die ambulante Versorgung hat IGES eine Pionierfunktion.
Auch in der „Gesundheitsberichterstattung“ spielt IGES eine zentrale Rolle. Die ersten Berichte zur Versorgung in einzelnen Bundesländern werden von IGES konzipiert und vorgelegt. Bei der Gesundheitsberichterstattung des Bundes hat IGES die Federführung.
1990+
Die Gesundheitssysteme der beiden deutschen Staaten wachsen zusammen: Was geschieht mit dem Poliklinik-System der DDR?
Nach der politischen Wiedervereinigung steht die Integration der beiden deutschen Gesundheitssysteme auf der Tagesordnung. Als Berliner Institut ist IGES prädestiniert, eine führende Rolle bei der Umwandlung des Poliklinik-Systems der DDR im Land Brandenburg nach dem Konzept der „Gesundheitszentren“ einzunehmen.
In diese Zeit fällt auch die große Reform der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), die die statusbedingte Zuteilung der Bevölkerung zu unterschiedlichen Sozialsystemen beendet und das Recht der freien Krankenkassenwahl einführt. An der Entwicklung der ersten Stufe des Risikostrukturausgleichs ist IGES maßgeblich beteiligt.
1995+
IGES gründet die CSG Clinische Studien Gesellschaft: Wie kann klinische Forschung technologisch unterstützt werden?
Die Zusammenführung der beiden Gesundheitssysteme bietet positive Impulse für Fragen der Integration der medizinischen Versorgung dar. IGES entwickelt die Betreuungsdienste für chronisch Kranke in Brandenburg und ein Ärztenetz in Berlin. Zudem werden Qualitätsmanagement-Systeme mit modernen Formen des einrichtungsübergreifenden Datenmanagements verbunden. Vertragliche Lösungen für integrierte Versorgungsformen entstehen.
Mit der Gründung der CSG Clinische Studien Gesellschaft betritt IGES Neuland: klinische Forschung und Datendokumentation über das Internet.
2000+
Die integrierte Versorgung und der Risikostrukturausgleich werden weiterentwickelt: Welche vertraglichen, organisatorischen und konzeptionellen Möglichkeiten sind sinnvoll?
Zwei große Projekte der Bundesregierung (1998-2002) prägen die Arbeit von IGES: der morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA) sowie die Gestaltung der integrierten Versorgung, für die durch die Anschubfinanzierung ein Anreiz gesetzt wurde. Für Letztere entwickelt IGES unternehmerische Modelle sowie Ansätze zur Evaluation der Wirkung. Ein weiterer Schwerpunkt sind Konzepte zum Qualitätsmanagement in ambulanten Einrichtungen.
IGES wendet sich dem Arzneimittelmarkt zu. Studien zur bevölkerungsbezogenen Inanspruchnahme, zur Marktdynamik des Patentschutzes sowie zur Effektivität und Effizienz nehmen breiten Raum ein. Hinzu kommen Health-Technology-Assessment (HTA) und Versorgungsforschung.
Die Untersuchung von Nachfragestrukturen der Bevölkerung und die Entwicklung gesundheitspolitischer Szenarien werden zu einem eigenen Schwerpunkt ebenso wie mehrdimensionale epidemiologische und arbeitswissenschaftliche Analysen in der Arbeitswelt.
Die strategische Beratung von Krankenkassen mit Schwerpunkt auf Risikomanagement, Design von Managed-Care-Programmen und Versicherungsprodukten beginnt.
2005+
Der IGES Arzneimittel-Atlas erscheint als neues Referenzwerk: Wie ist die Entwicklung der Arzneimittel-Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung besser zu verstehen?
Neue IGES-Bereiche Mobilität und Bildung entstehen: Wie können andere Infrastrukturbereiche vom IGES-Konzept aus der Gesundheitssystemforschung profitieren?
Die Verbindung von klinischer Forschung bei CSG mit gesundheitsökonomischen Ansätzen bei IGES schafft die Basis für zahlreiche integrierte gesundheitsökonomische Projekte. Die Versorgungsforschung nimmt weiter an Bedeutung zu.
Erste Beratungsprojekte beim Aufbau von medizinischen Versorgungsstrukturen in Entwicklungsländern wie Kenia, Uganda und Kambodscha starten.
Der „IGES Arzneimittel-Atlas“ entsteht und wird zu einer nationalen Referenz für Arzneimittelmarkt-Analysen.
IGES beginnt seine Tätigkeit außerhalb des Gesundheitsbereichs. Mit „IGES Mobilität“ wird im Jahr 2007 das IGES-Konzept auf Fragen des öffentlichen Personenverkehrs übertragen.
Der Umzug in die Friedrichstraße im Jahr 2008 ermöglicht mit dem „Auditorium Friedrichstrasse“ eine eigene Plattform für die Organisation von öffentlichen Veranstaltungen unter einem Dach.
IGES startet 2009 seine eigene Marktforschungsabteilung. Erstes sichtbares Produkt: der „IGES Kompass Gesundheit“.
Mit der Übernahme der Mehrheit an der im Jahr 2000 gegründeten IMC erweitert IGES 2009 sein Potenzial im Bereich von Analysen und Beratung im Krankenhaus.
IGES wendet sich erstmalig dem Themenfeld „Bildung“ zu.
2010+
Das IGES Institut wächst national und international: Wie kann der weltweit wachsenden Bedeutung gesundheitsökonomischer Analysen Rechnung getragen werden?
Erstmals in der gesundheitspolitischen Geschichte Deutschlands sind mit Beginn des Jahres 2011 die Preise für neu zugelassene patentgeschützte Arzneimittel für pharmazeutische Unternehmen nicht mehr frei bestimmbar, sondern an das Ausmaß des Zusatznutzens der jeweiligen Medikamente gekoppelt. Gesundheitsökonomische Analysen und Kosten-Nutzen-Bewertungen werden somit mit Blick auf den GKV-Markt obligatorisch. Um der gestiegenen Nachfrage in diesem Bereich gerecht zu werden, verstärkt das IGES Institut sein Leistungsangebot und baut zugleich seine landesweite Präsenz mit einem neuen Büro in Nürnberg aus. Dort arbeitet seit 2012 ein Expertenteam „Health Economics & Outcomes Research (HEOR)“.
Mit Übernahme des in der Schweiz ansässigen Beratungsunternehmens für das Gesundheitswesen HealthEcon AG (Basel) 2012 beginnt die IGES-Gruppe, ihr erfolgreiches Konzept auf andere europäische Länder zu übertragen. Sie ist der Startpunkt für Wachstum über die Landesgrenzen hinaus.
IGES erweitert seine Dienstleistungen mit einem thematisch übergreifenden Bereich Beratung, um im Zusammenspiel mit seiner wissenschaftlichen Expertise noch gezielter auf Kundenbedürfnisse einzugehen.
2015+
Nutzenbewertungen spielen weltweit und auch in Deutschland eine immer größere Rolle: Was bedeutet dies für die Versorgung mit Arzneimitteln und Medizinprodukten?
Nach der Einführung der Nutzenbewertung im Arzneimittelbereich werden ähnliche Regelungen auch für bestimmte Medizinprodukte immer wichtiger. Dadurch kommt der Zuwachs der IGES Gruppe durch das Beratungsunternehmen „AiM – Assessment in Medicine“ Ende 2014 voll zum Tragen. Das im baden-württembergischen Lörrach ansässige Unternehmen ist auf die strategische und gesundheitsökonomische Beratung von Medizinproduktefirmen spezialisiert. In Kooperation mit IGES-Experten werden Dienstleistungen für Hersteller und Akteure aus dem Bereich Medizintechnik zu einem immer bedeutenderen Tätigkeitsschwerpunkt.
Das Konzept geht auf, das IGES Institut zu einem umfassenden Wissensunternehmen nicht nur für das Gesundheitswesen, sondern auch für weitere Infrastrukturen zu transformieren: Der Bereich „IGES Mobilität“ wächst stetig. Dem trägt das IGES Rechnung und erweitert die Geschäftsführung um dessen Leiter.
Der „IGES Arzneimittel-Atlas“ erscheint 2015 im zehnten Jahr. Das Werk über den GKV-Arzneimittelwerk ist zur Standardpublikation geworden, geht aber zugleich neue Wege: Erstmals werden alle Inhalte online veröffentlicht. Analysen der frühen Nutzenbewertung sind regelmäßiger Inhalt.
Das Markenkennzeichen „Interdisziplinarität“ entwickelt IGES kontinuierlich weiter. Neben den klassischen Geschäftsbereichen wie „Gesundheitspolitik“, „Arzneimittelmarkt“ oder „Arbeitswelt & Demografie“ etabliert IGES thematische Kompetenzzentren. Dort bündeln Experten ihre spezifische Expertise zu aktuellen Themen wie „Psychische Erkrankungen“ oder „Innovationsfonds“.
Mit einem neu geschaffenen Bereich „Business Development International“ stärkt IGES seine Aktivitäten für das internationale Wachstum.
Sichtbar wird dies in der Übernahme der Mehrheit der Geschäftsanteile des britischen Medizintechnik-Beratungsunternehmens Device Access UK Ltd Anfang 2019. Das in Southampton (U.K.) ansässige Unternehmen gehört zu den Marktführern im Bereich gesundheitsökonomischer und strategischer Beratung von internationalen Medizinprodukteherstellern, die innovative Produkte sowohl im privaten Gesundheitsmarkt als auch beim öffentlich finanzierten National Health Service (NHS) in U.K. einführen wollen. Mit der Akquisition setzt die IGES Gruppe nicht nur ihre europäische Expansion fort. Sie trägt damit dem wachsenden Weltmarkt für Medizintechnik Rechnung.
IGES formiert IGES LifeScience als neuen internationalen Geschäftsbereich. Er bietet gesundheitsökonomische und strategische Beratung für Market Access, Nutzenbewertung und Reimbursement neuer Arzneimittel, Medizinprodukte und digitaler Gesundheitsprodukte im deutschen und europäischen Gesundheitsmarkt.
2020+
IGES blickt auf 40 Jahre Forschungs- und Beratungstätigkeit im Gesundheitswesen zurück und startet in die nächsten Jahrzehnte. Wo werden die künftigen Herausforderungen verortet?
In die 2020er Jahre startet die IGES Gruppe mit weiterer Internationalisierung: IGES erwirbt 2020 die Mehrheitsanteile an dem französischen Medizintechnik-Beratungsunternehmen Meditech Access. Das Unternehmen ist ein führender Anbieter von Beratungsleistungen für Medizintechnikhersteller, die Produkte in Frankreich und Europa auf den Markt bringen wollen. Zusammen mit den Unternehmen Device Access in UK, AiM (Lörrach) GmbH verfügt die IGES Gruppe nun über ein umfassendes europaweites Beratungs- und Dienstleistungsnetzwerk im Bereich Medizintechnik. Für Kunden ist dies unter dem Dachnamen IGES MedTech erkennbar.
Mit der Gründung von IGES UK Pharma im Jahr 2022 wird ein zusätzliches europäisches Beratungsangebot für Hersteller und Entwickler von Arzneimittel etabliert.
Die 2020er Jahre bedeuten zudem weitere Meilensteine bei der Entwicklung hin zu einem noch umfassenderen Beratungsunternehmen für Infrastrukturfragen. Dahinter steht die Erkenntnis, dass die künftigen Herausforderungen im Bereich öffentlicher Güter – bei der Gesundheitsversorgung, im Verkehrs- und Bildungswesen und beim Thema Wohnen - nur aus ganzheitlicher Perspektive über die einzelnen Infrastruktursektoren hinaus zu bewältigen sind. Die Herausforderungen wachsen, da nicht nur soziodemographische Veränderungen zu berücksichtigen sind, sondern zunehmend auch Nachhaltigkeitsaspekte und der Klimaschutz einzubeziehen sind.
2022 erweitert die IGES Gruppe daher ihr Forschungs- und Beratungsportfolio um die Themen Wohnen, Immobilien und Umwelt. Sie gründet die FUB IGES Wohnen+Immobilien+Umwelt GmbH, die aus dem 1992 entstandenen Hamburger Unternehmen F+B hervorgegangen ist.
Somit verfügt die IGES Gruppe nach vier Jahrzehnten über zwei große Geschäftsfelder:
Forschung und Beratung für alle, die in öffentlich regulierten Infrastrukturen im deutschsprachigen Raum aktiv sind: Gesundheit, Mobilität, Bildung und Wohnen.
Forschung und Beratung für Entwickler, Investoren und Hersteller neuer Gesundheitstechnologien für Europa mit IGES LifeScience.
Einschneidend für die Welt ist der Beginn der Corona-Pandemie im Jahr 2020. Sie legt in Deutschland schonungslos den Digitalisierungsrückstand im Gesundheitswesen bloß und offenbart enorme Datenlücken bei der Beobachtung des Pandemieverlaufs. IGES veröffentlicht mit dem IGES Pandemie Monitor ein eigenes Informationsangebot und liefert differenzierte Analysen, um das Corona-Geschehen besser zu verstehen sowie Prognosen über den weiteren Verlauf zu geben.
2025+
Die Europäisierung im Gesundheitswesen nimmt weiter zu. Obwohl die Gesundheitspolitik primär in der Kompetenz der Mitgliedstaaten liegt, wächst der Einfluss der EU auf nationale Gesundheitssysteme kontinuierlich. Wie begleitet IGES diesem Wandel?
Das IGES Institut setzt seit mehr als zehn Jahren auf internationales Wachstum und hat Tochterunternehmen in sechs europäischen Ländern gekauft oder neu gegründet. Die IGES Gruppe entstand. Dies war und bleibt eine Antwort auf die zunehmende Europäisierung im Bereich der Gesundheitspolitik. Um diese Prozesse erfolgreich zu begleiten, braucht es beides: Kompetenz auf Ebene der nationalen Gesundheitssysteme und der europäischen Regeln. Über beides verfügt die IGES Gruppe, bei der die Nachfrage nach diesen Kompetenzen seit Jahren auf große Nachfrage stößt.
Um Internationalisierung und Wettbewerbsfähigkeit konsequent und zukunftsorientiert voranzutreiben, ist die IGES Gruppe seit März 2025 Teil der athagoras Gruppe. Athagoras ist eine Holding, die Unternehmen aus dem Bereich Gesundheitsversorgung miteinander vereint und als Gruppe zu einem technologiegestützten europäischen Spezialdienstleister für Gesundheitssysteme sowie für die klinische und kommerzielle Entwicklung von Gesundheitsinnovationen entwickelt.
Mitte 2025 hat die IGES Gruppe ihre Gesellschaftsstruktur neu organisiert, um Bedürfnisse verschiedener Kunden gezielt weiterentwickeln und schneller wachsen zu können. Die Geschäftsfelder „Gesundheitssysteme“ sowie „Pharma & MedTech“ sind nun in zwei eigene Unternehmen gegliedert. Neben dem IGES Institut als Spezialisten für den Bereich „Gesundheitssysteme“ bietet die IGES GmbH mit IGES Pharma und IGES Medtech gezielte Dienstleistungen für pharmazeutische Unternehmen und Medizintechnikhersteller.
Der IGES Arzneimittel-Atlas hat Jubiläum: Er feiert im Jahr 2025 seine bemerkenswerte 20. Ausgabe und hat sich in den Jahren als unverzichtbares Standardwerk für die Analyse des GKV-Arzneimittelmarktes in Deutschland etabliert. Mit seiner detaillierten Erfassung und Analyse der Ausgabenentwicklung bei Arzneimitteln liefert er seit zwei Jahrzehnten fundierte Einblicke in die komplexen Marktdynamiken und bildet eine zentrale Entscheidungsgrundlage für gesundheitspolitische Akteure, Kostenträger und die pharmazeutische Industrie.
12 Projekte des IGES Instituts, die Spuren im deutschen Gesundheitswesen hinterlassen haben
Das IGES Institut hat in seiner mehr als 45-jährigen Geschichte über 3.000 Projekte bearbeitet. Viele davon waren wegweisend und haben Spuren hinterlassen. Eine Auswahl bedeutender und herausragender Arbeiten sind hier dargestellt:
1982
Menschen über 65 bekommen durchschnittlich 30 Arzneimittel-Verordnungen pro Jahr
Mitte der 70er Jahre begannen die ersten Aktivitäten zur Nutzung von Routinedaten der Krankenkassen. Neben den eingelösten Rezepten wurden auch die Krankenhauseinweisungen, die Krankenscheine sowie die Krankschreibungen erstmalig elektronisch erfasst. Das Besondere: Alle Belege wurden den einzelnen Versicherten zugeordnet. Die moderne „Versorgungsforschung“ war geboren – IGES hat den Begriff 1990 vermutlich erstmalig verwendet.
In Bezug auf die Therapie mit Arzneimitteln zeigte sich ein bedenkliches Bild: Viele verschiedene Arzneimittel, darunter die Mehrzahl mit fragwürdiger Wirkung, werden häufig ohne erkennbares therapeutisches Konzept eingesetzt. Diese Ergebnisse werden Grundlage von öffentlichen Debatten und individuellen Beratungen. Zwanzig Jahre später ist die Zahl der Verordnungen für Ältere von 30 auf 20 pro Jahr zurückgegangen, obwohl die Verfügbarkeit von wirksamen Arzneimitteln in diesem Zeitraum enorm zugenommen hat. Fragwürdige Arzneimittel werden heute fast nicht mehr verordnet.
1985
In einer süddeutschen Region liegt die Zahl der gynäkologischen Kranken-hausfälle pro Versicherten 51,5 Prozent über dem Bundesdurchschnitt
In der gesundheitspolitischen Diskussion sind Befürchtungen weit verbreitet, dass die Verfügbarkeit von Versorgungsangeboten deren Nutzung nach sich zieht, bekannt als „Roemer’s Law“: „A hospital bed built is a bed filled“. Was plausibel klingt, ist jedoch aus methodischen Gründen nicht einfach nachzuweisen.
Weil die Routinedaten der Krankenkassen einen Populationsbezug haben, können demographisch standardisierte Behandlungshäufigkeiten ermittelt und zwischen Regionen verglichen werden. Wenn in einer Region z. B. eine besondere Häufung bestimmter Krankenhausfälle beobachtet wird und sich keine epidemiologischen Hypothesen zu deren Erklärung aufdrängen, kann möglicherweise ein erhöhtes Angebot an stationären Behandlungskapazitäten die Ursache sein.
In einer süddeutschen Region gab es zu der damaligen Zeit tatsächlich eine Häufung gynäkologisch-geburtshilflicher Belegkliniken, die als Erklärung der Überinanspruchnahme in Frage kamen. Andere Faktoren konnten dies nicht erklären.
Mit dieser Arbeit gelang der Einstieg in die empirische Untersuchung des ökonomischen Phänomens der „angebotsinduzierten Nachfrage“. Vor allem Entscheidungsträger der Krankenkassen hatten damit ein Instrument zur Aufdeckung möglicher Ursachen für ineffiziente Versorgungsstrukturen. Auch die Krankenhaus-Planung der Länder bekam dadurch wichtige Impulse ebenso wie die generelle Diskussion um die Finanzierung der Krankenhäuser.
1992
Ohne Ausgleich der Risikostruktur zwischen verschiedenen Krankenkassen könnte es durch das Kassenwahlrecht innerhalb weniger Jahre zu Beitragssatzunterschieden von 100 Prozent kommen
Die Integration der beiden deutschen Gesundheitssysteme fiel praktisch zusammen mit der grundlegendsten Reform der gesetzlichen Krankenversicherung seit Bismarck: Die Abschaffung der Zuteilung von Arbeitern und Angestellten zu unterschiedlichen Krankenkassen durch die überfällige Einführung der freien Krankenkassenwahl. Ein vielfältiges Angebot von Krankenkassen sollte entstehen und damit Wettbewerb um die Versicherten.
Aufgrund der enormen Unterschiede der Versichertenpopulationen in Bezug auf Einkommen einerseits und Ausgaben andererseits war zu befürchten, dass Krankenkassen mit schlechten Risiken in einem Teufelskreis aus Mitgliederverlusten und Anhebung von Beitragssätzen aus dem Markt gedrängt würden, unabhängig von ihrer Effizienz als Versicherer.
IGES führte umfangreiche Simulationen durch, bei der unterschiedliche Annahmen des Wechselverhaltens von Versicherten durchgespielt wurden. Ohne Ausgleich der Risikostruktur war in einzelnen Regionen zu erwarten, dass einige Krankenkassen, insbesondere die AOKen, nach wenigen Jahren doppelt so hohe Beitragssätze verlangen müssten wie ihre Konkurrenten. Durch die Berücksichtigung der Risikostruktur in Form von Alter, Geschlecht, Krankengeldanspruch und Invalidität konnte man erwarten, dass sich Beitragssatzunterschiede deutlich angleichen und somit verhindern, dass ein unproduktiver Wettbewerb entsteht.
Die für den RSA grundlegenden Ausgabenprofile fanden Eingang in die „6. Bekanntmachung zum Risikostrukturausgleich vom 20. September 1994“.
1993
65 Prozent der Kinder, die dem Kinderarzt besonders häufig vorgestellt werden, haben überfürsorgliche Eltern und sind bis zu sechsmal häufiger auch bei anderen Ärzten in Behandlung
Anfang der 80er Jahre nahm die Diskussion um die Steigerung der Qualität in der Versorgung an Bedeutung zu. Besonders die ambulante Versorgung war Gegenstand der Kritik. Aufgrund der überwiegend einzelärztlichen Organisation wurde befürchtet, dass neue Erkenntnisse nicht ausreichend umgesetzt und vermutete Qualitätsmängel nicht sichtbar und somit nicht korrigierbar wären. Das Problem war, dass empirisch belastbares Wissen über die Qualität in der ambulanten Versorgung fehlte.
Sollten die zitierten Annahmen aber richtig sein, könnten Maßnahmen angezeigt sein, die eine Qualitätserhebung sowie eine zwischenärztliche Diskussion der Befunde ermöglichen. Auf der Basis der Erfahrungen mit der Analyse von Routinedaten hat IGES daher ein Verfahren entwickelt, das unter dem Begriff „Qualitätszirkel“ bekannt wurde.
Als empirischer Boden für die Deskription der Qualität wurden Routinedaten der gesetzlichen Krankenkassen, insbesondere die ambulante Leistungsdokumentation, die verordneten Arzneimittel und eventuelle Krankenhausaufenthalte eingesetzt. Diese wurden den jeweils behandelnden Ärzten als „Patientenblätter“ zurückgegeben und von ihnen um strukturierte Informationen ergänzt. Mit den Auswertungen – auch als Benchmarks zwischen den Ärzten – wurden die Diskussionen in den Qualitätszirkeln bestritten.
Mit Kinderärzten wurden in einem Projekt Fragen der potenziellen Fehlversorgung von Kindern erörtert, die weit überdurchschnittliche Arztkontakte aufwiesen. Das Projekt zeigte, dass in vielen Fällen erst durch diese Methode aufgefallen ist, wie häufig bestimmte Kinder vorgestellt werden. Die Analyse ergab, dass ein häufiger Grund darin besteht, dass die Eltern überfürsorglich und ängstlich agieren. Die Ärzte selbst lernten, in bestimmten Konstellationen vertiefende Informationen über das soziale Umfeld der Kinder einzuholen.
Qualitätszirkel sind heute Institutionen, die aus der ambulanten Versorgung nicht wegzudenken sind.
1997
Durch das Programm des „geordneten Wandels“ entstehen im Land Brandenburg 19 hybride Gesundheitszentren mit 121 niedergelassenen und 178 angestellten Ärzten sowie 596 weiteren Angestellten
Im Gesundheitssystem war die Übernahme des westdeutschen Modells der ambulanten Versorgung durch niedergelassene Ärzte in Einzelpraxen der bedeutsamste Aspekt der Integration, da die ambulante Versorgung in der DDR fast ausschließlich durch angestellte Ärzte in größeren betrieblichen Einheiten, den Polikliniken, organisiert war. Die ambulante Versorgung der DDR galt aber – abgesehen von ihrer technologischen Rückständigkeit – als effektiv und effizient.
Die Regierung des Bundeslandes Brandenburg verfolgte für die ambulante Versorgung die Strategie des „geordneten Wandels“. Diese hatte zum Ziel, auch den Teil des ambulanten Systems in die neue Versorgungslandschaft zu integrieren, der weiterhin in öffentlicher Trägerschaft mit angestellten Ärzten verbleiben wollte. Mit Konzeption und Durchführung des Programms „geordneter Wandel“ wurde IGES beauftragt.
Organisatorischer Kern des Programms war der „Beratungsdienst Gesundheitszentren Brandenburg“, angesiedelt beim Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen und von IGES organisatorisch geleitet. Konzeptionell wurde das Modell eines hybriden „Gesundheitszentrums“ entwickelt, das sowohl niedergelassene als auch angestellte Ärzte aufnehmen konnte. Dazu wurden die Funktionen der Gebäude- und Personalverwaltung in eine Gesundheitszentrums-Gesellschaft (GZG) überführt und von der eigentlichen ambulanten Versorgung separiert. Die Versorgung erfolgte entweder durch niedergelassene Ärzte oder eine Medizinische Einrichtungs-Gesellschaft (MEG) mit angestellten Ärzten, die nach §311 SGB V erst vorübergehend und später dauerhaft zur Abrechnung mit den kassenärztlichen Vereinigungen zugelassen wurde.
Zur Umsetzung waren umfangreiche wirtschaftliche, rechtliche und bauliche Beratungen erforderlich, die letztlich zum Ergebnis hatten, dass 19 Gesundheitszentren an 30 Standorten entstanden sind, die sich überwiegend als hybride Mischform etablierten. Viele dieser Gesundheitszentren arbeiten heute noch. Sie waren die Blaupause für die mit der Gesundheitsreform von 2004 eingeführten „Medizinischen Versorgungszentren“, von denen in ganz Deutschland heute mehr als 1.200 in Betrieb sind.
2004
Disease-Management-Programme für alle Diabetiker können Komplikationen reduzieren und damit pro Jahr 119 Mio. Euro einsparen. Sie kosten aber mindestens 260 Mio. Euro jährlich
Anfang des neuen Jahrtausends beklagten einzelne Krankenkassen, dass sich ihre finanzielle Situation durch ungünstige Morbidität ihrer Versicherten trotz des 1994 eingeführten RSA laufend verschlechtert. Sie forderten kurzfristige Maßnahmen, weil die geplante Einführung eines morbiditätsorientierten RSA erst im Jahr 2007 wirksam werde. Vorschlag war, für einzelne chronische Erkrankungen wie etwa Diabetes mellitus aus dem RSA finanzielle Zuweisungen ad hoc zu gewähren, wenn sich die Betroffenen in Disease-Management-Programme (DMP) einschreiben. Die Vertreter dieses Vorschlags argumentierten, dass sich durch solche Programme enorme Summen einsparen ließen, weil die verbesserte Betreuung Komplikationen und damit Folgekosten verhindere.
Um mehr über das Potenzial der DMP zu erfahren, führte IGES eine Simulationsrechnung durch. Sie sollte die gesundheitlichen Effekte für eine Laufzeit von 5 Jahren ermitteln. Grundlage war eine repräsentative Stichprobe von Diabetikern. Auf sie wurden die Effektstärken der zu diesem Zeitpunkt vorliegenden Studien über Interventionen zur Vermeidung von Folgekomplikationen angewendet. Zusätzlich wurden Annahmen über die reale Wirksamkeit solcher Interventionen getroffen, vor allem mit Blick auf die Compliance der Patienten bei Maßnahmen wie etwa Gewichtsabnahme.
Die Ergebnisse waren ernüchternd. Dies war vor allem darauf zurückzuführen, dass die Mehrzahl der Diabetiker relativ geringe Risiken für Folgeerkrankungen hat. Daher ist auch die Zahl der durch DMP vermiedenen Komplikationen niedrig. Demgegenüber stehen aber Interventionen, die sich nach dem Gießkannenprinzip an alle Diabetiker richten, weil die Einschreibung in die Programme Bedingung für die Auszahlung der Zuschläge für die Kassen sind.
Die Studienergebnisse wurden in der Diskussion um die Möglichkeit zur Effizienzsteigerung der Versorgung stark beachtet. Die Kopplung der Einschreibung in die Programme an Ausgleichszahlungen aus dem RSA wurde 2009 aufgehoben.
2004
Ein Gruppierungssystem für die Morbidität von Versicherten würde dazu führen, dass Krankenkassen für einen Versicherten zum Beispiel mit Diabetes mellitus (mit Dialysepflicht) 18.231 Euro pro Jahr mehr bekommen als zum herkömmlichen Ausgleichsverfahren
Der im Jahr 1994 zwischen den gesetzlichen Krankenkassen eingeführte Risikostrukturausgleich (RSA) schaffte den Anreiz ab, dass Krankenkassen gezielt jüngere Versicherte bewerben. Geblieben war aber der Anreiz, für Versicherte mit teuren Erkrankungen zumindest keine aktive Werbung zu betreiben, weil diese bei durchschnittlichen Zuweisungen aus dem Risikostrukturausgleich oftmals stark überdurchschnittliche Leistungsausgaben benötigen. Es wurde im Jahr 2001 gesetzlich verankert, dass ein morbiditätsorientierter RSA eingeführt werden sollte, der den Wettbewerb der Krankenversicherungen um Kranke ankurbeln sollte.
IGES führte im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums zusammen mit Projektpartnern eine umfangreiche Recherche über erprobte Morbiditätsklassifikationssysteme durch. Die für Deutschland potenziell relevanten Systeme wurden dann auf eine große Stichprobe von Versichertendaten angewendet und auf ihre Leistungsfähigkeit untersucht, die zukünftige Morbiditäts- bzw. Ausgabenlast einer Kassenpopulation vorherzusagen.
Dabei schnitt das System „IPHCC+RxGroups“ der Firma „DxCG“ am besten ab. Mit ihm lassen sich die Ausgaben im folgenden Jahr mit einer Sicherheit von 24 Prozent vorhersagen im Vergleich zu nur sechs Prozent beim herkömmlichen RSA. Ein RSA auf dieser Basis sollte nunmehr für Krankenkassen Anreize schaffen, chronisch Kranke als Versicherte zu werben und für sie Behandlungsprogramme anzubieten, die deren Behandlungskosten mittel- und langfristig senken.
Die Erkenntnisse des IGES-Projekts wurden im Rahmen des politischen Kompromisses der Regierungskoalition 2005-2009 teilweise übernommen. Statt eines vollständigen Finanzausgleichs wurde der Ausgleich auf eine Auswahl von 80 Erkrankungen begrenzt.
2004
Bei einem Produkt im Wert von 1.000 Euro gehen in Deutschland zwölf Euro des Preises auf GKV-Beiträge des Arbeitgebers zurück
Die Gesundheitsausgaben wachsen seit vielen Jahren nicht stärker als das Bruttoinlandsprodukt. Dennoch steigen jährlich die Beitragssätze für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Weil die Arbeitgeber paritätisch nicht nur an ihrer, sondern auch an den ebenfalls steigenden Beitragssätzen anderer Zweige der gesetzlichen Sozialversicherung beteiligt sind, wird dies auch immer als Wettbewerbsnachteil für die deutsche Wirtschaft diskutiert.
In den vergangenen Jahren gab es dazu mehrere Simulationsmodelle, um mehr über den Zusammenhang zwischen steigenden Beitragssätzen und der Entwicklung der Beschäftigung zu erfahren. Die Ergebnisse waren nicht eindeutig und schwankten zwischen negativen Effekten (aufgrund der geringeren Nachfrage nach Arbeit) und steigenden Effekten (aufgrund der Tatsache, dass die Zahl der durch Beitragssteigerungen im Gesundheitswesen geschaffenen Arbeitsplätze höher ist als der Verlust durch negative Effekte in den anderen Wirtschaftszweigen).
Vor diesem Hintergrund ermittelte IGES zusammen mit Partnern erstmalig die Höhe der Arbeitgeberbelastung durch gesundheitssystembedingte Zahlungen allgemein und durch GKV-Beiträge im Besonderen. Diese beliefen sich im Jahr 2000 durchschnittlich auf 116,8 Mrd. EUR bzw. 45,2 Mrd. Euro. Gemessen am Wert der deutschen Produktion desselben Jahres in Höhe von 3.650 Mio. Euro beträgt der Anteil der Gesundheitsausgaben der Arbeitgeber 3,2 bzw. 1,2 Prozent. Reformen der GKV zur Stabilisierung oder Senkung der Beitragssätze beeinflussen die Preise von Waren und Dienstleistungen aus Deutschland nur sehr gering.
Das Ergebnis wurde mit großer Aufmerksamkeit aufgenommen, allerdings je nach „Lager“ unterschiedlich interpretiert. In der Gesundheitspolitik hat sich jedoch wenig verändert. Auch heute leiten alle Parteien mehr oder weniger stark die Notwendigkeit von Gesundheitsreformen aus der Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ab.
2006
Die Krankenkassen geben im Jahr 2005 für die Erneuerung des Arzneimittelsortiments 0,5 Mrd. Euro aus, für die Zunahme des Verbrauchs aber 1,8 Mrd.
Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Arzneimittel wachsen seit Jahren am stärksten und sind inzwischen zweitgrößter Ausgabenblock. Unwirtschaftliche Verordnungen seien der Grund, heißt es in Diskussionen. Ärzte würden statt patentfreien, preisgünstigen und bewährten Medikamenten neue patentgeschützte, teure Wirkstoffe ohne Zusatznutzen – „Scheininnovationen“ – verordnen, was bei den gesetzlichen Krankenkassen zu Mehrausgaben in Milliardenhöhe führt.
Vor diesem Hintergrund entwickelt IGES 2006 den „Arzneimittel-Atlas“. Im Kern ist er ein mathematisches Modell, das die jährlichen Ausgabensteigerungen in zehn Komponenten zerlegt, um sie besser zu verstehen. Neben einer verbrauchsabhängigen Mengen- und Preiskomponente gibt es acht Strukturkomponenten.
Davon beziehen sich zwei auf die jährliche Veränderung des Arzneimittelsortiments durch Innovationen: Die „Therapieansatz“-Komponente zeigt, wie viel die Substitution von medizinisch ähnlich wirksamen, aber vom Wirkprinzip her unterschiedlichen Wirkstoffen kostet (z.B. H2-Blocker durch Protonenpumpen-Inhibitoren beispielsweise gegen Magengeschwüre). Demgegenüber beziffert die „Analog“-Komponente Ausgabenunterschiede, die durch den Wechsel zwischen chemisch ähnlichen Arzneimitteln entstehen. Letztere ist auch als finanzielle Abbildung des Einsatzes von teuren „Scheininnovationen“ oder von „Me-Too“-Präparaten zu sehen.
Die beiden Komponenten beliefen sich im Vergleich zwischen 2005 und 2006 auf 405 Mio. Euro. bzw. 144 Mio. Euro. Das waren 21 bzw. sieben Prozent des gesamten Steigerungsvolumens von 1.943 Mio. Euro. Einsparungen in Höhe von 460 Mio. EUR, etwa durch Patentausläufe, haben das innovationsbedingte Plus jedoch annähernd kompensiert. Der größte Teil der Mehrausgaben 2006 ging auf das Konto von Verbrauchssteigerungen (1.854 Mio. Euro). Die Ergebnisse widerlegen die These, dass der Wechsel zu Innovationen oder „Scheininnovationen“ die Ursache ist.
Der „Arzneimittel-Atlas“ gehört heute zum Bestand der gesundheitsökonomischen Berichtssysteme in Deutschland. Auf dieser Basis werden seit 2007 Prognosen der Arzneimittelausgaben erstellt, die in die Planungen und Verhandlungen von Ministerien, Ärzten und Krankenkassen einfließen.
2006
Ein monatlicher Krankenkassenbeitrag von 120 Euro müsste für einen Gesunden auf 104 Euro und für einen chronisch Kranken auf 79 Euro gesenkt werden, damit diese auf ihre freie Arztwahl verzichten
Die Diskussion über mehr Wahlfreiheit für Versicherte in der gesetzlichen Krankenversicherung nimmt an Bedeutung ständig zu. Hierdurch soll nicht nur die Souveränität der Bürger und Patienten gestärkt werden. Die Gesundheitspolitik erwartet sich davon auch, dass bei der Inanspruchnahme von Leistungen ein stärkeres Kostenbewusstsein entsteht und die Versicherten letztlich auch verstärkt auf ihre Gesundheit achten. Schließlich soll der Wettbewerb der Leistungserbringer um bessere und effizientere Leistungen angeregt werden.
In der deutschen Sozialpolitik gehört es zu den Grundsätzen, dass solche Wahlentscheidungen von Versicherten nur auf freiwilliger Basis getroffen werden können. Dass hierfür Anreize gesetzt werden müssen, ist allen Entscheidungsträgern intuitiv klar.
Lange Zeit gab es allenfalls vage Vorstellungen, wie hoch diese Anreize sein müssten, damit die Versicherten solche Entscheidungen überhaupt treffen, da keine methodisch überzeugenden Untersuchungen vorlagen.
IGES hat im Rahmen der „4. Delphi-Studie zur Zukunft des Gesundheitswesens“ zusammen mit Partnern die in der Marktforschung entwickelte Methodik das „Discrete-Choice-Experiment“ auf diese Problematik übertragen. Mit Hilfe von paarweisen Vergleichen können befragte Untersuchungspersonen wesentlich konkretere Vorstellungen von den Konsequenzen ihrer Wahlentscheidungen vermittelt werden als bisher. Die Ergebnisse haben daher einen deutlich höheren Realitätsgehalt im Vergleich zu Methoden, die direkt nach der Zahlungsbereitschaft für eine Leistung fragen, und werden seither häufig in Reformdiskussionen zitiert.
2008
Die Kosten für Lärmschutz im Schienenverkehr lassen sich durch einen optimalen Maßnahmenmix um 300 Mio. Euro senken
Bestandteil vieler moderner Verkehrskonzepte ist die Vorstellung, dass die Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene Vorteile hinsichtlich Energieeffizienz und Umweltverträglichkeit bietet. Doch auch der Schienenverkehr belastet die Umwelt, weil er viel Lärm mit sich bringt. Mehr Zugverkehr und damit mehr Lärm gefährdet die Akzeptanz dieses Transportmittels. Lärmschutz ist daher ein entscheidender Erfolgsfaktor. Dies kann neben Schallschutzwänden auch durch die Ausrüstung von Güterwagen mit neuartigen Bremsen erreicht werden. Im Unterschied zu herkömmlichen Bremsen schleifen die neuen Bremsen die Räder der Waggons glatt, sodass sich deren Fahrgeräusche erheblich vermindern. 2007 haben die Bahnunternehmen dem Verkehrsministerium eine groß angelegte Umrüstaktion vorgeschlagen: Etwa 120.000 eingesetzte Güterwagen sollten umgerüstet werden. Die Kosten von ca. 480 Mio. Euro sollte der Bund komplett tragen.
Das IGES und seine Projektpartner haben im Auftrag des Wirtschafts- und des Verkehrsministeriums Alternativen zu diesem Vorschlag analysiert. Geprüft wurde insbesondere, ob die Finanzierung auf der Basis eines lärmabhängigen Trassenpreissystems auf die Eisenbahnunternehmen verlagert werden könnte. Durch Simulationen wurde deutlich, dass die alleinige Lenkung durch Trassenpreise nicht funktionieren würde. Ein derartiges Preissystem kann jedoch die erforderliche staatliche Direktförderung senken.
Bewertungen verschiedener Bremstechnologien ergaben, dass eine alternative Technologie, sogenannte LL-Sohlen, viel wirtschaftlicher sein würde. Mit ihnen können bis zu 300 Mio. Euro der insgesamt 480 Mio. Euro teuren Umrüstaktion eingespart werden. Die verbleibenden Kosten (180 Mio. Euro) sollten vom Staat (über Direktförderung) und den Nutzern (durch ein Trassenpreissystem) je zur Hälfte getragen werden.
Projektergebnis war ein dreisäuliges Maßnahmenpaket: Innovationspolitik zur Förderung der LL-Sohle, eine Kombination aus Direktförderung und lärmabhängigem Trassenpreissystem sowie ein Pilotprojekt. Das Verkehrsministerium hat diesen Vorschlag mit dem 40 Mio. Euro-Projekt „Leiser Güterverkehr“ mittlerweile vollständig umgesetzt.
2010
Im Durchschnitt aller Tarife steigen die PKV-Prämien für männliche Neukunden jährlich um 5,0 Prozent, für junge Einsteiger jedoch nur um 3,3 Prozent
Ihrem Anspruch nach bietet die private Krankenversicherung (PKV) ihren Versicherten einen langfristigen Schutz durch risikoäquivalente Prämien und Alterungsrückstellungen. Im Vergleich zum Umlageverfahren der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) soll dies Versicherte gegen steigende Beiträge besonders schützen. Doch die PKV-Beiträge steigen seit Jahren mehr als die der GKV. Viele haben vor nicht mehr tragbaren Prämien im Alter Angst.
Es ist bekannt, dass die Alterungsrückstellungen bisher nicht so kalkuliert werden bzw. kalkuliert werden dürfen, dass sie ihre Aufgabe erfüllen. Kritiker vermuten, dass die privaten Versicherungsgesellschaften im Wettbewerb um Neukunden eine Politik der Risikoentmischung betreiben, bei der sie ständig neue und günstige Versicherungsprodukte auflegen und ihre älteren Bestandskunden von diesem Zufluss von Neukunden abschneiden. Die Produkte würden hierdurch „vergreisen“.
Dies verschärfe weiter die finanziellen Probleme durch die unzureichenden Altersrückstellungen, insbesondere weil die stark beschränkten Wechselmöglichkeiten älterer Bestandskunden keinen Wettbewerbsdruck auf die Unternehmen ausüben.
Mit Tarifdaten der Rating-Agentur Morgen & Morgen hat IGES die Prämiensteigerungen für Neukunden in Krankenversicherungsprodukten ermittelt, die unterschiedlich lang auf dem Markt sind. Danach unterschieden sich die Prämiensteigerungen je nach Alter der Produkte erheblich: Prämien für ältere Produkte legen durchweg mehr zu. Offenbar kalkulieren Unternehmen ihre Prämien von Einsteiger-Produkten unzureichend, um für neue Kunden attraktiv zu sein. Im Lauf der Entwicklung eines solchen Produktes steigen die Prämien dann zunehmend.
Unmittelbar nach Veröffentlichung der Ergebnisse Anfang 2010 begann eine gesundheitspolitische Diskussion auf Fachebene. Das Gutachten floss zudem in Debatten im Deutschen Bundestag ein. Es wird insbesondere Vorschläge zur Wettbewerbssteigerung durch Wechselmöglichkeiten für PKV-Kunden fördern.