Meilensteine

Das heutige IGES Institut wurde im Jahr 1980 als „IGES Institut für Gesundheits- und Sozialforschung“ von Wissenschaftlern der Technischen Universität Berlin (TU Berlin) gegründet. Im Jahr 2008 erfolgte die Umbenennung in „IGES Institut“.
Das IGES Institut blickt somit auf eine mehr als 45-jährige Geschichte zurück und ist heutzutage eines der größten unabhängigen Forschungs- und Beratungsinstitute für Gesundheitssystemforschung in Deutschland.

Der Ausgang für die Gründung eines Forschungsinstituts für das Gesundheitswesen war die Beschäftigung mit dem Bau von Krankenhäusern. Die IGES-Gründer hatten sich jahrelang damit beschäftigt, welche infrastrukturellen und ökonomischen Bedingungen für den Neubau von Kliniken erfüllt sein müssen. Dabei wurde ihre Arbeit immer stärker von der Frage beeinflusst, wie das Gesundheitssystem an sich funktioniert. Deutlich wurde ihnen der große Forschungsbedarf auf diesem Gebiet, dem sie mit der Gründung eines unabhängigen, privatwirtschaftlichen Instituts Rechnung trugen.  

Wissenschaftlich fundierte Analysen und evidenzbasierte Lösungen für die Herausforderungen des komplexen Gesundheitssystems sind das, was die Arbeit des IGES Instituts damals und heute ausmacht.

Eine Chronik der wichtigsten Entwicklungen des IGES Instituts

1980+
Erste Auswertungen mit Krankenkassen-Daten entstehen im IGES Institut: Was leistet das Gesundheitswesen?

Ausgangspunkt für IGES ist die strikte empirische Ausrichtung. Sie führt dazu, dass erstmals Daten von Krankenkassen elektronisch verfügbar gemacht werden. Die frühen 80er Jahre sind vor allem von „Transparenzprojekten“ geprägt. Es wird analysiert, was das Gesundheitssystem leistet, wer diese Leistungen in Anspruch nimmt, warum und welche Kosten sich daraus ergeben. Die Verflechtung des Gesundheitssystems mit anderen regionalen und kommunalen Leistungen ist in der Anfangszeit prägend.

1985+
IGES prägt den Begriff Versorgungsforschung: Welche Versorgungsqualität hat der ambulante Sektor?

Obwohl die Versorgungsforschung mit medizinischen Fragestellungen von Beginn an einen wichtigen Stellenwert hatte (IGES hat den Begriff „Versorgungsforschung“ 1990 vermutlich erstmalig verwendet), folgen jetzt Projekte, bei denen die Analyseergebnisse auch direkt an Ärzte zurückgespielt werden. Dies ist der Einstieg in die Qualitätssicherung. Für die ambulante Versorgung hat IGES eine Pionierfunktion.

Auch in der „Gesundheitsberichterstattung“ spielt IGES eine zentrale Rolle. Die ersten Berichte zur Versorgung in einzelnen Bundesländern werden von IGES konzipiert und vorgelegt. Bei der Gesundheitsberichterstattung des Bundes hat IGES die Federführung.

1990+
Die Gesundheitssysteme der beiden deutschen Staaten wachsen zusammen: Was geschieht mit dem Poliklinik-System der DDR?

Nach der politischen Wiedervereinigung steht die Integration der beiden deutschen Gesundheitssysteme auf der Tagesordnung. Als Berliner Institut ist IGES prädestiniert, eine führende Rolle bei der Umwandlung des Poliklinik-Systems der DDR im Land Brandenburg nach dem Konzept der „Gesundheitszentren“ einzunehmen.

In diese Zeit fällt auch die große Reform der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), die die statusbedingte Zuteilung der Bevölkerung zu unterschiedlichen Sozialsystemen beendet und das Recht der freien Krankenkassenwahl einführt. An der Entwicklung der ersten Stufe des Risikostrukturausgleichs ist IGES maßgeblich beteiligt.

1995+
IGES gründet die CSG Clinische Studien Gesellschaft: Wie kann klinische Forschung technologisch unterstützt werden?

Die Zusammenführung der beiden Gesundheitssysteme bietet positive Impulse für Fragen der Integration der medizinischen Versorgung dar. IGES entwickelt die Betreuungsdienste für chronisch Kranke in Brandenburg und ein Ärztenetz in Berlin. Zudem werden Qualitätsmanagement-Systeme mit modernen Formen des einrichtungsübergreifenden Datenmanagements verbunden. Vertragliche Lösungen für integrierte Versorgungsformen entstehen.

Mit der Gründung der CSG Clinische Studien Gesellschaft betritt IGES Neuland: klinische Forschung und Datendokumentation über das Internet.

2000+
Die integrierte Versorgung und der Risikostrukturausgleich werden weiterentwickelt: Welche vertraglichen, organisatorischen und konzeptionellen Möglichkeiten sind sinnvoll?

Zwei große Projekte der Bundesregierung (1998-2002) prägen die Arbeit von IGES: der morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA) sowie die Gestaltung der integrierten Versorgung, für die durch die Anschubfinanzierung ein Anreiz gesetzt wurde. Für Letztere entwickelt IGES unternehmerische Modelle sowie Ansätze zur Evaluation der Wirkung. Ein weiterer Schwerpunkt sind Konzepte zum Qualitätsmanagement in ambulanten Einrichtungen.

IGES wendet sich dem Arzneimittelmarkt zu. Studien zur bevölkerungsbezogenen Inanspruchnahme, zur Marktdynamik des Patentschutzes sowie zur Effektivität und Effizienz nehmen breiten Raum ein. Hinzu kommen Health-Technology-Assessment (HTA) und Versorgungsforschung.

2005+
Der IGES Arzneimittel-Atlas erscheint als neues Referenzwerk: Wie ist die Entwicklung der Arzneimittel-Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung besser zu verstehen?

Neue IGES-Bereiche Mobilität und Bildung entstehen: Wie können andere Infrastrukturbereiche vom IGES-Konzept aus der Gesundheitssystemforschung profitieren?

Die Verbindung von klinischer Forschung bei CSG mit gesundheitsökonomischen Ansätzen bei IGES schafft die Basis für zahlreiche integrierte gesundheitsökonomische Projekte. Die Versorgungsforschung nimmt weiter an Bedeutung zu.

Erste Beratungsprojekte beim Aufbau von medizinischen Versorgungsstrukturen in Entwicklungsländern wie Kenia, Uganda und Kambodscha starten.

Der „IGES Arzneimittel-Atlas“ entsteht und wird zu einer nationalen Referenz für Arzneimittelmarkt-Analysen.

2010+
Das IGES Institut wächst national und international: Wie kann der weltweit wachsenden Bedeutung gesundheitsökonomischer Analysen Rechnung getragen werden?

Erstmals in der gesundheitspolitischen Geschichte Deutschlands sind mit Beginn des Jahres 2011 die Preise für neu zugelassene patentgeschützte Arzneimittel für pharmazeutische Unternehmen nicht mehr frei bestimmbar, sondern an das Ausmaß des Zusatznutzens der jeweiligen Medikamente gekoppelt. Gesundheitsökonomische Analysen und Kosten-Nutzen-Bewertungen werden somit mit Blick auf den GKV-Markt obligatorisch. Um der gestiegenen Nachfrage in diesem Bereich gerecht zu werden, verstärkt das IGES Institut sein Leistungsangebot und baut zugleich seine landesweite Präsenz mit einem neuen Büro in Nürnberg aus. Dort arbeitet seit 2012 ein Expertenteam „Health Economics & Outcomes Research (HEOR)“.

2015+
Nutzenbewertungen spielen weltweit und auch in Deutschland eine immer größere Rolle: Was bedeutet dies für die Versorgung mit Arzneimitteln und Medizinprodukten?

Nach der Einführung der Nutzenbewertung im Arzneimittelbereich werden ähnliche Regelungen auch für bestimmte Medizinprodukte immer wichtiger. Dadurch kommt der Zuwachs der IGES Gruppe durch das Beratungsunternehmen „AiM – Assessment in Medicine“ Ende 2014 voll zum Tragen. Das im baden-württembergischen Lörrach ansässige Unternehmen ist auf die strategische und gesundheitsökonomische Beratung von Medizinproduktefirmen spezialisiert. In Kooperation mit IGES-Experten werden Dienstleistungen für Hersteller und Akteure aus dem Bereich Medizintechnik zu einem immer bedeutenderen Tätigkeitsschwerpunkt.

Das Konzept geht auf, das IGES Institut zu einem umfassenden Wissensunternehmen nicht nur für das Gesundheitswesen, sondern auch für weitere Infrastrukturen zu transformieren: Der Bereich „IGES Mobilität“ wächst stetig. Dem trägt das IGES Rechnung und erweitert die Geschäftsführung um dessen Leiter.

2020+
IGES blickt auf 40 Jahre Forschungs- und Beratungstätigkeit im Gesundheitswesen zurück und startet in die nächsten Jahrzehnte. Wo werden die künftigen Herausforderungen verortet?

In die 2020er Jahre startet die IGES Gruppe mit weiterer Internationalisierung: IGES erwirbt 2020 die Mehrheitsanteile an dem französischen Medizintechnik-Beratungsunternehmen Meditech Access. Das Unternehmen ist ein führender Anbieter von Beratungsleistungen für Medizintechnikhersteller, die Produkte in Frankreich und Europa auf den Markt bringen wollen. Zusammen mit den Unternehmen Device Access in UK, AiM (Lörrach) GmbH verfügt die IGES Gruppe nun über ein umfassendes europaweites Beratungs- und Dienstleistungsnetzwerk im Bereich Medizintechnik. Für Kunden ist dies unter dem Dachnamen IGES MedTech erkennbar.

Mit der Gründung von IGES UK Pharma im Jahr 2022 wird ein zusätzliches europäisches Beratungsangebot für Hersteller und Entwickler von Arzneimittel etabliert.

2025+
Die Europäisierung im Gesundheitswesen nimmt weiter zu. Obwohl die Gesundheitspolitik primär in der Kompetenz der Mitgliedstaaten liegt, wächst der Einfluss der EU auf nationale Gesundheitssysteme kontinuierlich. Wie begleitet IGES diesem Wandel?

Das IGES Institut setzt seit mehr als zehn Jahren auf internationales Wachstum und hat Tochterunternehmen in sechs europäischen Ländern gekauft oder neu gegründet. Die IGES Gruppe entstand. Dies war und bleibt eine Antwort auf die zunehmende Europäisierung im Bereich der Gesundheitspolitik. Um diese Prozesse erfolgreich zu begleiten, braucht es beides: Kompetenz auf Ebene der nationalen Gesundheitssysteme und der europäischen Regeln. Über beides verfügt die IGES Gruppe, bei der die Nachfrage nach diesen Kompetenzen seit Jahren auf große Nachfrage stößt.

Um Internationalisierung und Wettbewerbsfähigkeit konsequent und zukunftsorientiert voranzutreiben, ist die IGES Gruppe seit März 2025 Teil der athagoras Gruppe. Athagoras ist eine Holding, die Unternehmen aus dem Bereich Gesundheitsversorgung miteinander vereint und als Gruppe zu einem technologiegestützten europäischen Spezialdienstleister für Gesundheitssysteme sowie für die klinische und kommerzielle Entwicklung von Gesundheitsinnovationen entwickelt.

12 Projekte des IGES Instituts, die Spuren im deutschen Gesundheitswesen hinterlassen haben

Das IGES Institut hat in seiner mehr als 45-jährigen Geschichte über 3.000 Projekte bearbeitet. Viele davon waren wegweisend und haben Spuren hinterlassen. Eine Auswahl bedeutender und herausragender Arbeiten sind hier dargestellt:

1982
Menschen über 65 bekommen durchschnittlich 30 Arzneimittel-Verordnungen pro Jahr

Mitte der 70er Jahre begannen die ersten Aktivitäten zur Nutzung von Routinedaten der Krankenkassen. Neben den eingelösten Rezepten wurden auch die Krankenhauseinweisungen, die Krankenscheine sowie die Krankschreibungen erstmalig elektronisch erfasst. Das Besondere: Alle Belege wurden den einzelnen Versicherten zugeordnet. Die moderne „Versorgungsforschung“ war geboren – IGES hat den Begriff 1990 vermutlich erstmalig verwendet.

In Bezug auf die Therapie mit Arzneimitteln zeigte sich ein bedenkliches Bild: Viele verschiedene Arzneimittel, darunter die Mehrzahl mit fragwürdiger Wirkung, werden häufig ohne erkennbares therapeutisches Konzept eingesetzt. Diese Ergebnisse werden Grundlage von öffentlichen Debatten und individuellen Beratungen. Zwanzig Jahre später ist die Zahl der Verordnungen für Ältere von 30 auf 20 pro Jahr zurückgegangen, obwohl die Verfügbarkeit von wirksamen Arzneimitteln in diesem Zeitraum enorm zugenommen hat. Fragwürdige Arzneimittel werden heute fast nicht mehr verordnet.

1985
In einer süddeutschen Region liegt die Zahl der gynäkologischen Kranken-hausfälle pro Versicherten 51,5 Prozent über dem Bundesdurchschnitt

In der gesundheitspolitischen Diskussion sind Befürchtungen weit verbreitet, dass die Verfügbarkeit von Versorgungsangeboten deren Nutzung nach sich zieht, bekannt als „Roemer’s Law“: „A hospital bed built is a bed filled“. Was plausibel klingt, ist jedoch aus methodischen Gründen nicht einfach nachzuweisen.

Weil die Routinedaten der Krankenkassen einen Populationsbezug haben, können demographisch standardisierte Behandlungshäufigkeiten ermittelt und zwischen Regionen verglichen werden. Wenn in einer Region z. B. eine besondere Häufung bestimmter Krankenhausfälle beobachtet wird und sich keine epidemiologischen Hypothesen zu deren Erklärung aufdrängen, kann möglicherweise ein erhöhtes Angebot an stationären Behandlungskapazitäten die Ursache sein.
In einer süddeutschen Region gab es zu der damaligen Zeit tatsächlich eine Häufung gynäkologisch-geburtshilflicher Belegkliniken, die als Erklärung der Überinanspruchnahme in Frage kamen. Andere Faktoren konnten dies nicht erklären.

1992
Ohne Ausgleich der Risikostruktur zwischen verschiedenen Krankenkassen könnte es durch das Kassenwahlrecht innerhalb weniger Jahre zu Beitragssatzunterschieden von 100 Prozent kommen

Die Integration der beiden deutschen Gesundheitssysteme fiel praktisch zusammen mit der grundlegendsten Reform der gesetzlichen Krankenversicherung seit Bismarck: Die Abschaffung der Zuteilung von Arbeitern und Angestellten zu unterschiedlichen Krankenkassen durch die überfällige Einführung der freien Krankenkassenwahl. Ein vielfältiges Angebot von Krankenkassen sollte entstehen und damit Wettbewerb um die Versicherten.

Aufgrund der enormen Unterschiede der Versichertenpopulationen in Bezug auf Einkommen einerseits und Ausgaben andererseits war zu befürchten, dass Krankenkassen mit schlechten Risiken in einem Teufelskreis aus Mitgliederverlusten und Anhebung von Beitragssätzen aus dem Markt gedrängt würden, unabhängig von ihrer Effizienz als Versicherer.

1993
65 Prozent der Kinder, die dem Kinderarzt besonders häufig vorgestellt werden, haben überfürsorgliche Eltern und sind bis zu sechsmal häufiger auch bei anderen Ärzten in Behandlung

Anfang der 80er Jahre nahm die Diskussion um die Steigerung der Qualität in der Versorgung an Bedeutung zu. Besonders die ambulante Versorgung war Gegenstand der Kritik. Aufgrund der überwiegend einzelärztlichen Organisation wurde befürchtet, dass neue Erkenntnisse nicht ausreichend umgesetzt und vermutete Qualitätsmängel nicht sichtbar und somit nicht korrigierbar wären. Das Problem war, dass empirisch belastbares Wissen über die Qualität in der ambulanten Versorgung fehlte.

Sollten die zitierten Annahmen aber richtig sein, könnten Maßnahmen angezeigt sein, die eine Qualitätserhebung sowie eine zwischenärztliche Diskussion der Befunde ermöglichen. Auf der Basis der Erfahrungen mit der Analyse von Routinedaten hat IGES daher ein Verfahren entwickelt, das unter dem Begriff „Qualitätszirkel“ bekannt wurde.

1997
Durch das Programm des „geordneten Wandels“ entstehen im Land Brandenburg 19 hybride Gesundheitszentren mit 121 niedergelassenen und 178 angestellten Ärzten sowie 596 weiteren Angestellten

Im Gesundheitssystem war die Übernahme des westdeutschen Modells der ambulanten Versorgung durch niedergelassene Ärzte in Einzelpraxen der bedeutsamste Aspekt der Integration, da die ambulante Versorgung in der DDR fast ausschließlich durch angestellte Ärzte in größeren betrieblichen Einheiten, den Polikliniken, organisiert war. Die ambulante Versorgung der DDR galt aber – abgesehen von ihrer technologischen Rückständigkeit – als effektiv und effizient.

Die Regierung des Bundeslandes Brandenburg verfolgte für die ambulante Versorgung die Strategie des „geordneten Wandels“. Diese hatte zum Ziel, auch den Teil des ambulanten Systems in die neue Versorgungslandschaft zu integrieren, der weiterhin in öffentlicher Trägerschaft mit angestellten Ärzten verbleiben wollte. Mit Konzeption und Durchführung des Programms „geordneter Wandel“ wurde IGES beauftragt.

2004
Disease-Management-Programme für alle Diabetiker können Komplikationen reduzieren und damit pro Jahr 119 Mio. Euro einsparen. Sie kosten aber mindestens 260 Mio. Euro jährlich

Anfang des neuen Jahrtausends beklagten einzelne Krankenkassen, dass sich ihre finanzielle Situation durch ungünstige Morbidität ihrer Versicherten trotz des 1994 eingeführten RSA laufend verschlechtert. Sie forderten kurzfristige Maßnahmen, weil die geplante Einführung eines morbiditätsorientierten RSA erst im Jahr 2007 wirksam werde. Vorschlag war, für einzelne chronische Erkrankungen wie etwa Diabetes mellitus aus dem RSA finanzielle Zuweisungen ad hoc zu gewähren, wenn sich die Betroffenen in Disease-Management-Programme (DMP) einschreiben. Die Vertreter dieses Vorschlags argumentierten, dass sich durch solche Programme enorme Summen einsparen ließen, weil die verbesserte Betreuung Komplikationen und damit Folgekosten verhindere.

2004
Ein Gruppierungssystem für die Morbidität von Versicherten würde dazu führen, dass Krankenkassen für einen Versicherten zum Beispiel mit Diabetes mellitus (mit Dialysepflicht) 18.231 Euro pro Jahr mehr bekommen als zum herkömmlichen Ausgleichsverfahren

Der im Jahr 1994 zwischen den gesetzlichen Krankenkassen eingeführte Risikostrukturausgleich (RSA) schaffte den Anreiz ab, dass Krankenkassen gezielt jüngere Versicherte bewerben. Geblieben war aber der Anreiz, für Versicherte mit teuren Erkrankungen zumindest keine aktive Werbung zu betreiben, weil diese bei durchschnittlichen Zuweisungen aus dem Risikostrukturausgleich oftmals stark überdurchschnittliche Leistungsausgaben benötigen. Es wurde im Jahr 2001 gesetzlich verankert, dass ein morbiditätsorientierter RSA eingeführt werden sollte, der den Wettbewerb der Krankenversicherungen um Kranke ankurbeln sollte.

IGES führte im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums zusammen mit Projektpartnern eine umfangreiche Recherche über erprobte Morbiditätsklassifikationssysteme durch. Die für Deutschland potenziell relevanten Systeme wurden dann auf eine große Stichprobe von Versichertendaten angewendet und auf ihre Leistungsfähigkeit untersucht, die zukünftige Morbiditäts- bzw. Ausgabenlast einer Kassenpopulation vorherzusagen.

2004
Bei einem Produkt im Wert von 1.000 Euro gehen in Deutschland zwölf Euro des Preises auf GKV-Beiträge des Arbeitgebers zurück

Die Gesundheitsausgaben wachsen seit vielen Jahren nicht stärker als das Bruttoinlandsprodukt. Dennoch steigen jährlich die Beitragssätze für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Weil die Arbeitgeber paritätisch nicht nur an ihrer, sondern auch an den ebenfalls steigenden Beitragssätzen anderer Zweige der gesetzlichen Sozialversicherung beteiligt sind, wird dies auch immer als Wettbewerbsnachteil für die deutsche Wirtschaft diskutiert.

In den vergangenen Jahren gab es dazu mehrere Simulationsmodelle, um mehr über den Zusammenhang zwischen steigenden Beitragssätzen und der Entwicklung der Beschäftigung zu erfahren. Die Ergebnisse waren nicht eindeutig und schwankten zwischen negativen Effekten (aufgrund der geringeren Nachfrage nach Arbeit) und steigenden Effekten (aufgrund der Tatsache, dass die Zahl der durch Beitragssteigerungen im Gesundheitswesen geschaffenen Arbeitsplätze höher ist als der Verlust durch negative Effekte in den anderen Wirtschaftszweigen).

2006
Die Krankenkassen geben im Jahr 2005 für die Erneuerung des Arzneimittelsortiments 0,5 Mrd. Euro aus, für die Zunahme des Verbrauchs aber 1,8 Mrd.

Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Arzneimittel wachsen seit Jahren am stärksten und sind inzwischen zweitgrößter Ausgabenblock. Unwirtschaftliche Verordnungen seien der Grund, heißt es in Diskussionen. Ärzte würden statt patentfreien, preisgünstigen und bewährten Medikamenten neue patentgeschützte, teure Wirkstoffe ohne Zusatznutzen – „Scheininnovationen“ – verordnen, was bei den gesetzlichen Krankenkassen zu Mehrausgaben in Milliardenhöhe führt.

Vor diesem Hintergrund entwickelt IGES 2006 den „Arzneimittel-Atlas“. Im Kern ist er ein mathematisches Modell, das die jährlichen Ausgabensteigerungen in zehn Komponenten zerlegt, um sie besser zu verstehen. Neben einer verbrauchsabhängigen Mengen- und Preiskomponente gibt es acht Strukturkomponenten.

2006
Ein monatlicher Krankenkassenbeitrag von 120 Euro müsste für einen Gesunden auf 104 Euro und für einen chronisch Kranken auf 79 Euro gesenkt werden, damit diese auf ihre freie Arztwahl verzichten

Die Diskussion über mehr Wahlfreiheit für Versicherte in der gesetzlichen Krankenversicherung nimmt an Bedeutung ständig zu. Hierdurch soll nicht nur die Souveränität der Bürger und Patienten gestärkt werden. Die Gesundheitspolitik erwartet sich davon auch, dass bei der Inanspruchnahme von Leistungen ein stärkeres Kostenbewusstsein entsteht und die Versicherten letztlich auch verstärkt auf ihre Gesundheit achten. Schließlich soll der Wettbewerb der Leistungserbringer um bessere und effizientere Leistungen angeregt werden.

In der deutschen Sozialpolitik gehört es zu den Grundsätzen, dass solche Wahlentscheidungen von Versicherten nur auf freiwilliger Basis getroffen werden können. Dass hierfür Anreize gesetzt werden müssen, ist allen Entscheidungsträgern intuitiv klar.

2008
Die Kosten für Lärmschutz im Schienenverkehr lassen sich durch einen optimalen Maßnahmenmix um 300 Mio. Euro senken

Bestandteil vieler moderner Verkehrskonzepte ist die Vorstellung, dass die Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene Vorteile hinsichtlich Energieeffizienz und Umweltverträglichkeit bietet. Doch auch der Schienenverkehr belastet die Umwelt, weil er viel Lärm mit sich bringt. Mehr Zugverkehr und damit mehr Lärm gefährdet die Akzeptanz dieses Transportmittels. Lärmschutz ist daher ein entscheidender Erfolgsfaktor. Dies kann neben Schallschutzwänden auch durch die Ausrüstung von Güterwagen mit neuartigen Bremsen erreicht werden. Im Unterschied zu herkömmlichen Bremsen schleifen die neuen Bremsen die Räder der Waggons glatt, sodass sich deren Fahrgeräusche erheblich vermindern. 2007 haben die Bahnunternehmen dem Verkehrsministerium eine groß angelegte Umrüstaktion vorgeschlagen: Etwa 120.000 eingesetzte Güterwagen sollten umgerüstet werden. Die Kosten von ca. 480 Mio. Euro sollte der Bund komplett tragen.

2010
Im Durchschnitt aller Tarife steigen die PKV-Prämien für männliche Neukunden jährlich um 5,0 Prozent, für junge Einsteiger jedoch nur um 3,3 Prozent

Ihrem Anspruch nach bietet die private Krankenversicherung (PKV) ihren Versicherten einen langfristigen Schutz durch risikoäquivalente Prämien und Alterungsrückstellungen. Im Vergleich zum Umlageverfahren der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) soll dies Versicherte gegen steigende Beiträge besonders schützen. Doch die PKV-Beiträge steigen seit Jahren mehr als die der GKV. Viele haben vor nicht mehr tragbaren Prämien im Alter Angst.

Es ist bekannt, dass die Alterungsrückstellungen bisher nicht so kalkuliert werden bzw. kalkuliert werden dürfen, dass sie ihre Aufgabe erfüllen. Kritiker vermuten, dass die privaten Versicherungsgesellschaften im Wettbewerb um Neukunden eine Politik der Risikoentmischung betreiben, bei der sie ständig neue und günstige Versicherungsprodukte auflegen und ihre älteren Bestandskunden von diesem Zufluss von Neukunden abschneiden. Die Produkte würden hierdurch „vergreisen“.