Alterung und Teilzeit belasten Einnahmen der Krankenkassen

Auf die Bedeutung der arbeitsmarktpolitischen Rahmenbedingungen für die Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) haben IGES-Experten hingewiesen. So könnte eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen und Personen im rentennahen Alter dazu beitragen, die Einnahmebasis der Krankenkassen spürbar zu stabilisieren. Dies würde die bestehenden Belastungen der GKV-Einnahmen durch den demographischen Wandel und die steigende Teilzeitquote dämpfen oder könnte diese sogar überkompensieren.

Berlin, 11. März 2026 (IGES Institut) – Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Analyse des IGES Instituts zur Finanzlage der gesetzlichen Krankenkassen, die für den Verband der Ersatzkassen (vdek) entstand. Neu daran ist, dass IGES-Experten über die allgemeine Lohn- und Einkommensentwicklung hinaus arbeitsmarktliche Entwicklungen seit dem Jahr 2010 einbezogen haben. Ziel war es, den Einfluss dieser Entwicklungen auf die Beitragseinnahmen bis ins Jahr 2035 abzuschätzen. Die GKV ist zu mehr als 90 Prozent beitragsfinanziert.

Demnach wirken mehrere Entwicklungen am Arbeitsmarkt grundsätzlich entlastend auf die GKV-Finanzierung. Besonders relevant sind eine steigende Erwerbstätigkeit von Menschen im Rentenalter sowie eine zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen, wodurch weniger Erwachsene beitragsfrei familienversichert sind. So stieg der Anteil der Erwerbstätigen Rentner aus der Altersgruppe der 60- bis 70-Jährigen von 13 Prozent im Jahr 2010 auf 22 Prozent in 2025. Parallel dazu sank die Zahl der beitragsfrei mitversicherten Erwachsenen, weil mehr Frauen erwerbstätig sind. Dieser Anteil ging bezogen auf die Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter von 15 Prozent im Jahr 2010 auf 7 Prozent im Jahr 2025 zurück.

Halten diese Trends an, könnten sie den Beitragssatz-Anstieg bis 2035 jeweils um rund 0,1 Prozentpunkte dämpfen, also insgesamt 0,2 Prozentpunkte. Das entspräche nach Berechnungen der Studienautoren zusätzlichen Einnahmen von insgesamt vier Milliarden Euro pro Jahr.

Die Effekte reichen jedoch nicht aus, um die strukturellen Belastungen für die GKV-Einnahmen auszugleichen. Vor allem der demografische Wandel und Veränderungen in der Arbeitsstruktur drücken langfristig auf die Einnahmebasis. So wächst die Zahl der Rentner deutlich schneller als die der Erwerbstätigen. Laut Studie dürfte die Zahl der GKV-versicherten Rentner von rund 16,8 Millionen im Jahr 2025 auf etwa 20 Millionen im Jahr 2035 steigen.

Hinzu kommt eine zunehmende Teilzeitbeschäftigung. Der Anteil der Teilzeitkräfte unter sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen – von rund 25 Prozent im Jahr 2010 auf 35 Prozent im Jahr 2025. Die IGES-Experten gingen bei ihren Berechnungen von einer weiter zunehmenden Quote in den kommenden zehn Jahren auf bis zu 40 Prozent aus. Da Teilzeitbeschäftigte im Durchschnitt geringere beitragspflichtige Einkommen haben, schwächt dieser Trend das Wachstum der Beitragseinnahmen.

Zusammen genommen könnten diese belastenden Faktoren den GKV-Beitragssatz bis 2035 zusätzlich zum generellen Trend um rund 0,4 Prozentpunkte (entspricht acht Milliarden Euro an Beitragseinnahmen) nach oben treiben – also etwa doppelt so stark wie die entlastenden Effekte durch mehr Beschäftigung. Dieser Druck auf den Beitragssatz würde zusätzlich zu dem generellen, seit Jahren anhaltenden Trend auseinanderlaufender Ausgaben und Einnahmen entstehen. In ihrer Simulation nahmen die IGES-Wissenschaftler an, dass die GKV-Einnahmen im langfristigen Trend jährlich um durchschnittlich 3,0 Prozent je Mitglied, die Ausgaben aber stärker um 4,5 Prozent steigen.

Die erwarteten entlastenden Faktoren im Bereich der Erwerbstätigkeit könnten die Belastungsfaktoren durch Demographie und steigende Teilzeitquote somit etwa nur zur Hälfte kompensieren.

Diese Berechnungen beruhen auf Trendfortschreibungen. Mögliche politische Maßnahmen für eine Ausweitung der Erwerbsbeteiligung und damit Stärkung der GKV-Einnahmen sind darin noch nicht berücksichtigt. Ansatzpunkte sehen die IGES-Autoren in einer höheren Erwerbstätigkeit von Älteren und Frauen, mehr Vollzeit statt Teilzeit, aber auch Umwandlung geringfügiger Jobs wie Minijobs in sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten. Wenn teilzeiterwerbstätige GKV-Mitglieder ihren Beschäftigungsumfang auf Vollzeittätigkeit ausweiten würden, könnte der Beitragssatzanstieg je nach Größe der aufstockenden Gruppe um 0,25 bis 1,0 Prozentpunkte gedämpft werden.

Fazit der IGES-Autoren: Wenn die Politik Handlungsspielräume bei Potenzialen der Beschäftigungsausweitung im Alter, bei Minijobs sowie Teilzeitbeschäftigung nutzt und gegensteuert, könnten die Belastungsfaktoren weitergehend entschärft oder sogar überkompensiert werden. Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen könnten daher nicht unerheblich dazu beitragen, dass sich die Schere zwischen Ein- und Ausgaben der Krankenkassen durch eine Stärkung auf der Einnahmeseite nicht noch weiter öffnet.

IGES-Experten hatten zuvor Projektionen der Beitragssatzentwicklung für alle Zweige der Sozialversicherung, also gesetzliche Renten-, Kranken-. Pflege- und Arbeitslosenversicherung, bis zum Jahr 2035 aktualisiert. Diese Berechnungen entstanden für die DAK-Gesundheit. Demnach droht den Krankenkassen 2027 eine Finanzlücke von bis zu zwölf Milliarden Euro. Ohne weitere Stabilisierungsmaßnahmen sind dort, aber auch in anderen Zweigen der Sozialversicherung, kräftige Beitragssatzsteigerungen absehbar. Bis 2035 könnte sich die Abgabelast der Sozialversicherung auf bis zu 50 Prozent belaufen.

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