Klinische Forschung in Deutschland: Strukturelle Defizite bremsen Milliardenpotenzial

Das wirtschaftliche Potenzial der Arzneimittelentwicklung in Deutschland wird derzeit nicht ausgeschöpft. Würde mehr in klinische Forschung investiert, könnte die Bruttowertschöpfung der pharmazeutischen Industrie laut einer Schätzung von derzeit 46 Milliarden Euro auf 119 Milliarden Euro im Jahr 2045 steigen. Darin enthalten sind positive Effekte in Milliardenhöhe durch Beschäftigungs- und Steuerzuwächse. Zusätzlich könnte die Wertschöpfung durch weniger Arbeitsausfälle infolge verbesserter Therapieoptionen gesteigert werden. Um die Potenziale pharmazeutischer Forschung mehr zu nutzen, bedarf es verbesserter regulatorischer und organisatorischer Rahmenbedingungen.

Berlin, 22. April 2026 (IGES Institut) – Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Gesundheitsökonomen des IGES Instituts. Sie entstand für das Unternehmen Roche Pharma. Hintergrund ist, dass Deutschland bei der Anzahl klinischer Studien im internationalen Vergleich in den vergangenen Jahren zurückgefallen ist. Als Hauptursachen gelten die als langwierig und kompliziert angesehenen Genehmigungsverfahren sowie die schwierige Patientenrekrutierung, die den Forschungsstandort Deutschland unattraktiv machen.

Vergleich mit Wachstumsdynamik anderer Länder

Ziel der Untersuchung war es, das gesamtwirtschaftliche Potenzial verbesserter Rahmenbedingungen für die klinische Forschung und Entwicklung (F&E) der pharmazeutischen Industrie über einen Zeitraum von 20 Jahren zu modellieren. Dies geschah auf Basis internationaler, wissenschaftlicher Literatur, die sich mit den volkswirtschaftlichen Effekten zusätzlicher Investitionen in pharmazeutische F&E beschäftigt. Die Potenzialschätzungen glichen die Studienautoren mit der Wachstumsdynamik in Ländern ab, in denen die F&E-Ausgaben der pharmazeutischen Industrie in den vergangenen 20 bis 25 Jahren am kräftigsten gestiegen sind: USA, Schweiz, Belgien, Italien.

Ausgang der Berechnungen war das Jahr 2025. Die Bruttowertschöpfung der pharmazeutischen Industrie lag in diesem Jahr bei 32 Milliarden Euro. Hinzukommen weitere 14 Milliarden von Unternehmen, die mit der pharmazeutischen Industrie verflochten sind wie die chemische Industrie.

Bleiben zusätzliche Impulse für pharmazeutische F&E aus, wird die Bruttowertschöpfung über den Projektionszeitraum wie bisher um jährlich 3,6 Prozent bis auf 93 Mrd. Euro im Jahr 2045 steigen. Unter verbesserten Rahmenbedingungen könnte sie jedoch um durchschnittlich 4,9 Prozent pro Jahr auf 119 Milliarden Euro im Jahr 2045 wachsen.

Mehr Beschäftigung, mehr Steuereinnahmen, mehr Gesundheit

Die Wirkungen einer gestärkten pharmazeutischen F&E ziehen eine Kette weiterer gesamtwirtschaftlicher Effekte nach sich, die ebenfalls in die Berechnungen einbezogen wurden. So würde durch ausgeweitete F&E-Aktivitäten auch die Beschäftigung im Pharmasektor und angrenzenden Branchen deutlich zulegen: Waren im Ausgangsjahr 2025 rund 280.000 Erwerbstätige in diesem Bereich tätig, könnten es den Modellierungen zufolge bis 2045 rund 363.000 sein. Das sind rund 56.000 Beschäftigte mehr als bei einer bloßen Trendfortschreibung ohne zusätzliche F&E-Impulse.

Mit der wachsenden Beschäftigung steigen auch die öffentlichen Einnahmen. Das Einkommensteueraufkommen der Branche könnte sich von 13 Milliarden Euro im Jahr 2025 im Potenzial-Szenario auf 32 Milliarden im Jahr 2045 erhöhen.

Neben den direkten wirtschaftlichen Effekten identifiziert die Studie einen weiteren Wirkungskanal: den gesundheitlichen Nutzen innovativer Therapien. Bessere Behandlungsmethoden senken krankheitsbedingte Ausfallzeiten – Menschen können länger und produktiver am Erwerbsleben teilnehmen. Exemplarisch zeigt die Studie: Allein bei Brustkrebs, Prostatakrebs und Psoriasis-Arthritis wären durch pharmazeutische Innovationen bis zu 34 Millionen zusätzliche bezahlte Arbeitsstunden pro Jahr realisierbar – entsprechend rund 19.200 Vollzeiterwerbstätigen und einem zusätzlichen Erwerbseinkommen von knapp einer Milliarde Euro.

Genehmigungsverfahren für klinische Studien zu langsam

Die Studie identifiziert - gestützt auf Gespräche mit Experten aus Kliniken, medizinischen Fakultäten, Kompetenzzentren und Behörden - zentrale Handlungsfelder, damit Deutschland bei klinischen Studien aufholt: So sind die Genehmigungsverfahren derzeit noch zu langsam. Die zuständigen Bundesbehörden (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Paul-Ehrlich-Institut, (PEI)) und die dezentralen Ethikkommissionen arbeiten nicht optimal zusammen, was den Studienstart erheblich verzögert. Das im Oktober 2024 in Kraft getretene Medizinforschungsgesetz hat zwar erste Verbesserungen gebracht – weitere Optimierungen etwa durch eine Stärkung des Reporting Member State, also des für die Studie federführenden EU-Mitgliedstaates, sind aber nötig.

Mehr Standardisierungen bei klinischen Studien einführen

Ferner dauern die Vertragsverhandlungen zwischen Sponsoren und Prüfzentren immer noch zu lang. Unklare Kostennormen und unterschiedliche Leistungsdefinitionen sind die Hauptursache. Die inzwischen verabschiedeten verbindliche Mustervertragsklauseln sind zwar ein richtiger Schritt. Eine stärkere Standardisierung von Leistungsdefinitionen und Kostenermittlungsverfahren für die Vertragsverhandlungen sind aber weiterhin nötig.

Wesentlicher Schwachpunkt ist ferner die schwierige Patientenrekrutierung. Ursache sind etwa die fragmentierte Digitalisierung notwendiger Patientendaten, restriktive Datenschutzregelungen und ein hohes allgemeines Versorgungsniveau. Dezentral durchgeführte Studien könnten Teilnahmehürden senken. Diese sind aber regulatorisch derzeit noch unzureichend abgesichert.

Mehr Freiräume für klinische Forschung schaffen

Ein weiteres Problem sind fehlende Fachkräfte und öffentliche Förderung. Personalmangel und hohe Arbeitsbelastung im klinischen Alltag schränken Forschungskapazitäten ein. Zugleich ist die öffentliche Förderung wissenschaftsinitiierter Studien in Deutschland im internationalen Vergleich gering – was dazu führt, dass die Industrie einen unverhältnismäßig hohen Anteil der Infrastrukturkosten trägt. Mehr Freiräume für forschende Ärztinnen und Ärzte sowie eine Ausweitung der öffentlichen Förderung wären wirksame Gegenmaßnahmen.

Die Autoren schlagen ein abgestimmtes Maßnahmenpaket über verschiedene Zeithorizonte vor: Kurzfristig sollte die Verzahnung von strahlenschutz- und arzneimittelrechtlichen Genehmigungsverfahren (Single-Gate-Ansatz) international als Standortvorteil kommuniziert werden. Zudem sollten die verbindlichen Standardvertragsklauseln evaluiert und auf medizinprodukte-basierte Studien ausgeweitet werden. Mittelfristig stehen die Harmonisierung der Ethikkommissions-Bewertungen, der Aufbau dezentraler Studienstrukturen im ambulanten Bereich sowie eine bessere Nutzung von Versorgungsdaten über das Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ Gesundheit am BfArM) im Fokus. Längerfristig braucht es mehr öffentliche Förderung wissenschaftsinitiierter Studien, den Ausbau von Clinician-Scientist-Programmen und eine europaweit harmonisierte Dateninfrastruktur über den EHDS European Health Data Space (Europäischer Gesundheitsdatenraum).

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