Pflegebedarf wächst schneller als erwartet: IGES legt aktualisierte Prognose für Bayern bis 2050 vor
Die Zahl der Pflegebedürftigen hat sich bundesweit rasanter entwickelt als demographisch zu erwarten gewesen wäre. Das hat Folgen für die Pflegestrukturplanung der Bundesländer. Bayern hat daher bisherige Pflege-Prognosen vom IGES Institut neu berechnen lassen. Demnach wird die Zahl der Pflegebedürftigen in Bayern von rund 630.000 im Jahr 2023 voraussichtlich um mehr als die Hälfte auf 980.000 Menschen im Jahr 2050 zunehmen. Demgegenüber könnte ein Mangel an Pflegefachkräften von bis zu 21.000 Vollzeitstellen stehen.
Berlin, 10. Juni 2026 (IGES Institut) – Besonders stark wächst voraussichtlich die Zahl der Empfänger von Pflegegeld, die ihre Pflege selbst organisieren – meist mit Hilfe von Angehörigen: Die Zahl der Pflegegeldbezieher wird laut der neuen Prognose um 57 Prozent auf rund 481.000 Personen im Jahr 2050 steigen. Auch die Zahl derer, die durch einen ambulanten Pflegedienst betreut werden, wird um 50 Prozent auf rund 105.000 Menschen wachsen, zeigt die IGES-Prognose, die für das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention entstand.
Hoher Bedarf an Tagespflege-Angeboten
Einen sehr starken Anstieg erwarten die IGES-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zudem bei der Nachfrage nach Tagespflege: besuchten rund 21.500 Menschen im Jahr 2023 eine derartige Einrichtung, könnten es laut den Berechnungen knapp 38.000 Menschen im Jahr 2050 sein. Für die vollstationäre Dauerpflege wird ein Anstieg um 47 Prozent auf rund 159.000 Personen prognostiziert. Der Bedarf an vollstationären Pflegeplätzen steigt entsprechend um rund 58.700 auf knapp 184.000 Plätze.
Lücke von bis zu 21.000 Vollzeitstellen von Pflegefachkräften möglich
Diese Entwicklungen gehen mit einem steigenden Pflegepersonalbedarf einher. Die IGES-Experten rechnen damit, dass der Bedarf an Pflegefachkräften bis 2050 auf rund 135.000 rechnerische Vollzeitstellen steigen wird, ein Plus von fast 50 Prozent gegenüber 2023. Hingegen wird das real verfügbare Fachkräfteangebot im gleichen Zeitraum nur um 16 Prozent auf knapp 50.150 Vollzeitstellen zunehmen. Je nach Prognose-Szenario fehlen bis 2050 zwischen 6.600 rechnerische Vollzeitstellen (bei einem angenommenen Anstieg der Beschäftigungsquote um 40 Prozent) und mehr als 21.000 Vollzeitstellen (bei gleichbleibender Beschäftigungsquote). In einem Basisszenario gingen die IGES-Experten von 20 Prozent mehr Beschäftigten aus, was zu einer Lücke bei Pflegefachkräften in Höhe von knapp 14.000 Vollzeitstellen im Jahr 2050 führen würde.
Grundlage der neuen Prognosen ist eine Evaluation der bisherigen Pflegebedarfsprognose, die das IGES Institut zuvor ebenfalls für das Bayerischen Staatsministerium erstellt hatte. Dabei wurden die ursprünglichen Modellszenarien, die auf der Pflegestatistik 2017 basieren, mit der tatsächlichen Entwicklung bis 2023 verglichen.
Vor allem Bedarf an ambulanten Pflegeangebote unterschätzt
Die Evaluation zeigt ein differenziertes Bild. Unterschätzt wurde etwa die tatsächliche Entwicklung bei fast allen ambulanten Versorgungsarten: Besonders ausgeprägt war die Unterschätzung beispielsweise bei den Personen mit Pflegegeld (minus 35 Prozent, Basisszenario). Noch stärker wurde die Anzahl der Pflegebedürftigen mit Pflegegrad 1 unterschätzt (um 84 Prozent in allen berechneten Szenarien). Überschätzt wurde dagegen die Entwicklung im stationären Bereich: Bei der vollstationären Dauerpflege betrug die Überschätzung rund 14 Prozent, bei der Kurzzeitpflege sogar rund 42,5 Prozent im Basisszenario zurückblieb.
Einflüsse des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs und der Begutachtung
Das IGES-Wissenschaftlerteam nennt mögliche Ursachen, warum die bisherigen Entwicklungen unterschätzt wurden. So wuchs die Zahl der Pflegebedürftigen bundesweit schneller, als es der demografische Wandel erwarten ließ. Zwischen 2017 und 2023 stieg die Pflegeprävalenz – der Anteil der Personen mit Pflegegrad an allen in der Sozialen Pflegeversicherung (SPV) versicherten Personen - bundesweit von 4,6 auf 7,0 Prozent. Einiges spräche dafür, so die Wissenschaftler, dass die Zunahme kaum auf eine gestiegene Morbidität zurückzuführen ist. Die besonders starken Zuwächse bei Pflegegrad 1 und beim Pflegegeld legten nahe, dass die Entwicklung auch eine Folge der Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs 2017 und des veränderten Begutachtungsverfahrens ist.
Weiteres IGES-Gutachten zu Ursachen des wachsenden Pflegebedarfs
Weitere Erkenntnisse dazu liefert ein anderes aktuelles IGES-Gutachten: Demzufolge ist die steigende Zahl der Pflegebedürftigen hauptsächlich durch deutlich mehr Erstanträge auf ambulante Pflegeleistungen, insbesondere von jüngeren, im Durchschnitt weniger stark beeinträchtigten Versicherten, gekennzeichnet. Als Ursachen kommen vor allem gesellschaftliche Entwicklungen in Betracht– wie bessere Informationsmöglichkeiten und eine Entstigmatisierung von Pflegebedürftigkeit –, die zu einem veränderten Antragsverhalten geführt haben.