Deutsch-chinesischer Expertendialog zur Zukunft der Pflege
„Es ist beeindruckend, mit welcher Konsequenz China den Aufbau seines Pflegesystems technologiegestützt und datengetrieben angeht: von KI-gestützter Prüfung von Leistungsanträgen bis zur Steuerung von Personalressourcen in Echtzeit. Das ist ambitionierter, als es in der deutschen Verwaltungspraxis bisher diskutiert wird.“ Dies schilderte die stellvertretende Leiterin des Bereichs Pflege am IGES Institut, Dr. Elisabeth Hahnel, im Anschluss an eine Pflege-Fachkonferenz am chinesischen National Health Development Research Center (CNHDRC) in Peking.
Berlin, 2. Oktober 2026 (IGES Institut) – Anlass war ein Besuch von Hahnel beim CNHDRC, einer der Nationalen Gesundheitskommission (NHC) der Volksrepublik China direkt unterstellten Einrichtung für gesundheitspolitische und gesundheitsökonomische Forschung und Beratung. Damit setzten das IGES Institut und das CNHDRC ihren wissenschaftlichen Dialog fort, der im Sommer 2026 mit der Unterzeichnung einer Kooperationsabsichtserklärung in Berlin begonnen hatte.
Neben Hahnel hielten bei dem Treffen mehrere chinesische Fachleute Vorträge: etwa Wu Zexin vom National Institute of Healthcare Security, der das chinesische Modell der Pflegeversicherung vorstellte, oder Li Yuqing, Leiterin eines Pflegeheims, die über ihre Erfahrungen aus der Pflegepraxis berichtete. Gemeinsam arbeiteten die Teilnehmenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Pflegesysteme heraus, um voneinander zu lernen.
Starke „community-based care“ in China
Hahnel hob zudem einen weiteren Aspekt der chinesischen Versorgungsstruktur hervor: "Das chinesische Modell der „community-based care“ als eigenständige, niedrigschwellige dritte Säule neben Heim- und häuslicher Pflege ist stärker ausdifferenziert als vergleichbare deutsche Konzepte und könnte Inspiration für den Ausbau teilstationärer, quartiersnaher Angebote in Deutschland liefern".
Anteile der Über-80-Jährigen gleichen sich an
Der fachliche Austausch habe ferner deutlich gemacht, wie verschieden beide Länder aufgestellt seien, so Hahnel: Deutschland gebe 12,7 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Gesundheit aus, China dagegen nur 5,4 Prozent. Auch beim Pflegepersonal zeigten sich Unterschiede: Auf 100 Menschen ab 65 Jahren kämen in Deutschland 5,5 Pflegekräfte, in China nur rund 1,2. Gleichzeitig altere China schneller als jedes OECD-Land in der Geschichte: Der Anteil der Menschen über 80 Jahre werde von zwei Prozent im Jahr 2023 auf zehn Prozent im Jahr 2050 steigen und sich damit dem deutschen Niveau von aktuell 7,2 und dann 11,2 Prozent annähern, erläutert Hahnel. Die chinesische Pflegeversicherung, erst 2016 gestartet und noch in der Pilotphase, umfasse 2025 bereits über 308 Millionen Versicherte und rund 1,93 Millionen Leistungsempfänger, so die chinesischen Tagungsteilnehmenden.
IGES Institut als internationale Lernquelle
Der Direktor des CNHDRC, Zhu Hongming, betonte zum Abschluss des Fachgesprächs, dass die Veranstaltung an eine bereits bestehende, enge Zusammenarbeit mit dem IGES Institut anknüpfe. Aus dem Austausch leitete er drei Punkte für die künftige Forschungsarbeit seines Zentrums ab: Deutschland mit seiner über 30-jährigen Erfahrung mit dem Pflegesystem, etwa bei Finanzierung, Leistungskoordination und Qualitätssicherung, sei eine wertvolle Lernquelle. Erkenntnisse müssten jedoch an Chinas Bevölkerungsstruktur, Entwicklungsstand und kulturelle Traditionen angepasst werden. Zweitens brauche der Aufbau eines Langzeitpflegesystems eine sektorübergreifende Zusammenarbeit zwischen Krankenversicherung, Gesundheitswesen und Sozialverwaltung. Die Veranstaltung selbst, die Pflege- und Politikforscher und Praktiker an einen Tisch brachte, sei dafür ein gelungenes Beispiel. Drittens böten neue Technologien wie Telerehabilitation, Wearables und KI-gestützte Assessments große Chancen für technologiegestützte Innovation. Sie dürften menschliche Zuwendung in der Pflege jedoch nicht ersetzen. Weitere Veranstaltungen dieser Art sollten folgen.
Alle Teilnehmer waren sich einig, den fachlichen Austausch sowie die Zusammenarbeit zwischen dem CNHDRC und dem IGES Institut mit weiteren gemeinsamen Aktivitäten und Forschungsvorhaben zu vertiefen.