Deutsche Hausärzte arbeiten im internationalen Vergleich am meisten und sind belastet

Hausärztinnen und Hausärzte in Deutschland arbeiten immer mehr pro Woche und liegen damit im internationalen Vergleich an der Spitze. Dabei empfinden sie ihre Praxistätigkeit im Vergleich zur Ärzteschaft in anderen Ländern überdurchschnittlich oft als sehr bis extrem anstrengend. Mit telemedizinischen Anwendungen sind sie zudem unzufrieden und erkennen selten positive Effekte damit.

Berlin, 10. Oktober 2023 (IGES Institut) - Das geht aus dem „International Health Policy-Survey Deutschland 2022“ (IHP-Survey Deutschland 2022) hervor, an dem das IGES Institut mitgewirkt hat. Dabei handelt es sich um eine international vergleichende gesundheitspolitische Befragung, die seit dem Jahr 1998 die US-amerikanische Stiftung Commonwealth Fund (CWF) organisiert. Die Befragung 2022 erfolgte in insgesamt zehn Industrieländern gleichzeitig und hatte die Hausärzteschaft im Fokus. 947 deutsche Hausärztinnen und Hausärzte haben sich daran beteiligt. Deren Befragung erfolgte durch ein Expertenteam des IGES Instituts im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit.

Arbeitszeit deutscher Hausärzte steigt seit Jahren

Der Befragung zufolge nimmt die Arbeitszeit deutscher Hausärztinnen und Hausärzte kontinuierlich zu. Während im Jahr 2012 noch rund zwei Drittel normalerweise 45 Stunden oder mehr pro Woche gearbeitet haben, waren es im Jahr 2019 bereits rund drei Viertel. Im Jahr 2022 stieg dieser Anteil weiter auf 82 Prozent.

Im internationalen Vergleich sticht die deutsche Hausärzteschaft mit ihrer Arbeitszeit deutlich heraus: In den anderen Ländern des IHP-Survey 2022 bewegte sich der Anteil der Hausärzte, die normalerweise 40 Stunden oder mehr wöchentlich arbeiten, zwischen knapp der Hälfte und rund drei Vierteln. In Deutschland hingegen gaben rund 90 Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte eine Wochenarbeitszeit von 40 oder mehr Stunden an.

Hausärzte berichten von hoher Arbeitsbelastung

Im Zusammenhang mit einer hohen Arbeitszeit berichten die Hausärztinnen und Hausärzte auch von einer hohen Arbeitsbelastung insgesamt. Knapp die Hälfte von ihnen gab im Jahr 2022 an, ihre hausärztliche Tätigkeit und ihre Praxistätigkeit als sehr anstrengend zu empfinden. Ein weiteres Viertel von ihnen empfand die Tätigkeit als etwas anstrengend und ein Fünftel sogar als extrem anstrengend.

Der Anteil der Hausärzte, die ihre ärztliche Tätigkeit als sehr anstrengend oder sogar extrem anstrengend empfinden, hat in den vergangenen Jahren zudem zugenommen. Traf dies im Jahr 2015 noch auf knapp die Hälfte der Hausärzte zu, waren es im Jahr 2019 bereits etwas mehr als die Hälfte. Im Jahr 2022 empfanden sogar mehr als zwei Drittel ihre ärztliche Tätigkeit als sehr anstrengend oder extrem anstrengend. Im internationalen Vergleich bewegten sich die Hausärztinnen und Hausärzte in Deutschland damit im oberen Drittel der Länder, hatten also überdurchschnittlich oft diese Empfindung geäußert.

Weniger ärztliche Videosprechstunden im internationalen Vergleich

Immer mehr Hausärztinnen und Hausärzte bieten ihren Patienten eine Behandlung per Videosprechstunde an. Dieser Teil ist seit dem Jahr 2019 erheblich gestiegen und erreichte im Jahr 2022 eine Größenordnung von etwa einem Drittel der Hausärzteschaft. Gegenüber Ländern wie den USA, dem Vereinigten Königreich oder Frankreich ist dies jedoch weiterhin nur ein geringer Anteil.

Anders als in anderen Ländern hohe Unzufriedenheit bei Telemedizin

Dabei zeigte sich, dass die Hausärztinnen und Hausärzte mit der Ausübung der Telemedizin – der Versorgung von Patientinnen und Patienten per Bildübertragung oder Telefon anstelle eines persönlichen Besuchs – im Jahr 2022 größtenteils unzufrieden waren. Insgesamt waren knapp drei Viertel der Hausärztinnen und Hausärzte in Deutschland mit dem Einsatz von Telemedizin unzufrieden. In anderen Ländern ist dies genau umgekehrt: In allen anderen, am IHP-Survey teilnehmenden Ländern waren Hausärzte mit dem Einsatz von Telemedizin überwiegend zufrieden. In einigen Ländern waren dies sogar drei Viertel. Als Gründe für ihre Unzufriedenheit nannten die in Deutschland befragten Hausärzte vor allem Schwierigkeiten mit der Einführung einer Telemedizin-Plattform, die Implementierungskosten und eine ihrer Meinung nach vergleichsweise geringe Vergütung von telemedizinisch erbrachten Leistungen.

Hintergrund:
Derzeit nehmen neben Deutschland weitere zehn Nationen an dem Survey teil, darunter die USA, Frankreich, Großbritannien, Niederlande, Schweden, Kanada oder Australien. Die Auswertung der gesamten Befragungsergebnisse nimmt ein vom CWF beauftragter Dienstleister vor. Die Kernthemen des Surveys im Allgemeinen umfassen den Zugang zur Gesundheitsversorgung, den Umfang nichterstattungsfähiger Gesundheitsausgaben, die Komplexität des Krankenversicherungssystems oder die Koordination der medizinischen Versorgung und das Management chronischer Erkrankungen.