Wenn Arztpraxen leer bleiben: In Baden-Württemberg drohen 2030 Versorgungsengpässe

Baden-Württemberg verfügt derzeit über eine gute hausärztliche Versorgung. Jeder Bewohner erreicht einen Hausarzt im Durchschnitt innerhalb eines Kilometers. Und auch ein eindeutiges Stadt-Land-Gefälle besteht nicht. Doch weil viele Ärzte in den kommenden Jahren altersbedingt ausscheiden werden, drohen große Versorgungsengpässe, vor allem auf dem Land.

Berlin, 20. Februar 2015 (IGES Institut) – Gut jeder dritte Hausarzt in Baden-Württemberg ist heute über 60 Jahre alt. Wissenschaftler des IGES Instituts haben vor diesem Hintergrund ermittelt, wie sich die hausärztliche Versorgung in 15 Jahren darstellt, je nachdem wie gut die Nachbesetzung ausscheidender Arztstellen gelingt. Als Referenz wurde die heutige Versorgungssituation gewählt. Diese Analysen entstanden im Auftrag des Ministeriums für Sozialordnung des Landes Baden‐Württemberg.

Entfernung zum nächstgelegenen Hausarzt (2014)

Szenario: Wenn jede zehnte Praxis unbesetzt bleibt
Finden sich etwa nur Nachfolger in Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern, würde 2030 jede zehnte Praxis leer bleiben. Das entspricht 727 fehlenden Hausärzten, was vor allem für Menschen in ländlichen Regionen erheblich die Anreise verlängern würde. Statt wie bisher einen Kilometer, müssten die Baden-Württemberger durchschnittlich fünf Kilometer zurücklegen. Und: Die Bewohner von mehr als der Hälfte der Postleitzahlbezirke rutschen durch den Verlust der 727 Ärzte in die Kategorie mit den höchsten Entfernungen: Sie müssen mehr als vier Kilometer zurück legen. In jedem zehnten Bezirk würden 2030 sogar Entfernungen von mehr als zehn Kilometer auf die Menschen zukommen.

Fachärztliche Versorgung weniger bedroht
Weniger gravierend als bei den Hausärzten wirkt sich dies für die Erreichbarkeit von Fachärzten aus. Bei den Frauen- und Kinderärzten, bei denen in diesem Szenario drei bzw. zwei Prozent der Arztsitze unbesetzt blieben, macht sich der Ärzteausstieg etwas stärker bemerkbar als bei den Internisten, Nervenärzten und Orthopäden. Bei diesen drei Fachgruppen ist mit jeweils rund einem Prozent weniger tätigen Medizinern zu rechnen. Bei den Frauenärzten wird auch 2030 für die Menschen in vielen Regionen (Großräume Heilbronn, Göppingen, Stuttgart) der nächste Frauenarzt weniger als fünf Kilometer entfernt sein. Viele Bezirke der schwäbischen Alb, des Schwarzwaldes sowie im Südosten des Landes rücken aber in die Gruppe der Regionen mit den längsten Anreisewegen von mehr als 12 Kilometern auf.

In der orthopädischen Versorgung werden die Regionen wachsen, in denen Patienten bereits jetzt mehr als 12 Kilometer anreisen müssen: etwa im Nord- und Südosten des Landes oder im Südschwarzwald.

Entfernung zum nächstgelegenen Hausarzt (simuliert für 2030)

Erhöhter Behandlungsbedarf führt zu Versorgungslücken
Die IGES-Experten haben zudem untersucht, wie sich in einer immer älter werdenden Gesellschaft die Zunahme bestimmter Erkrankungen wie etwa Diabetes auf die Versorgungssituation auswirkt. So sind Versorgungslücken absehbar, weil mehr Patienten häufiger ihren Arzt aufsuchen werden und sich die Zahl der Patienten je Arztpraxis erhöht. Kommen derzeit rund 63 Ärzte auf 100.000 Einwohner, werden es 2030 – unter fiktiv gleichbleibender Ärztezahl – nur noch 53 Mediziner sein. Landesweit nimmt 2030 im Vergleich zu 2014 die so genannte Ärztedichte um 17 Prozent ab. Gemessen am heutigen Niveau werden dann die meisten Regionen Baden-Württembergs unterversorgt sein.

Mit ihren Analysen zur vertragsärztlichen Versorgung erweitern die IGES-Experten den seit 2011 verfügbaren Gesundheitsatlas Baden-Württemberg. Ziel ist es, die aktuelle und künftige Versorgungssituation in der ambulanten Versorgung zu beurteilen und mögliche Versorgungsengpässe zu erkennen.